Recklinghäuser Schülerfirma setzt Demokratie spielerisch um

, Kreisdekanat Recklinghausen

Soll das Schulessen kostenlos sein? Ist Online-Unterricht besser als Präsenzunterricht? Und sind Atomkraftwerke sinnvoller als erneuerbare Energien? Fragen wie diese sorgen oft für Diskussionen. Beim Spiel „Democratica“ sind sie ausdrücklich erwünscht. Denn hier geht es nicht darum, möglichst laut zu sein, sondern darum, andere mit guten Argumenten zu überzeugen.

Entwickelt wurde das neue Brett- und Rollenspiel von der gleichnamigen Schülerfirma des Wirtschaftskurses der Jahrgangsstufe 12 am bischöflichen Alexandrine-Hegemann-Berufskolleg in Recklinghausen. Im Mittelpunkt stehen Demokratie, Meinungsvielfalt und ein respektvoller Umgang miteinander. Seit 2015 nimmt die Schule regelmäßig am „Junior Expert-Programm“ des Instituts der deutschen Wirtschaft teil.

Die Idee zum Spiel entstand aus einer Beobachtung, die die Schülerinnen und Schüler immer wieder machten. „Wir haben festgestellt, dass sich gerade viele Jüngere schwertun, sich mit Argumenten auszutauschen“, sagt Vorstandssprecherin Lilly Rengel. Schnell stand deshalb fest, dass sich ihr Projekt mit Demokratie und Diskussionskultur beschäftigen sollte – Themen, die auch gut zum Profil ihrer Schule mit den Schwerpunkten Gesundheit und Soziales passen.

Von der ersten Idee bis zum fertigen Prototyp war es allerdings ein weiter Weg. Rund neun Monate lang tüftelten die 14 Schülerinnen und Schüler an ihrem Spiel. Wie in einem echten Unternehmen arbeiteten sie in verschiedenen Abteilungen wie Vorstand, Verwaltung, Produktion und Marketing zusammen. Regeln wurden entwickelt, Karten gestaltet und immer wieder Änderungen vorgenommen. „Wir haben das Spiel bereits mit unterschiedlichen Gruppen getestet. Es funktioniert und kommt gut an“, freut sich Rengel.

Die Schülerinnen und Schüler zeigen Karten des Spiels in die Kamera. Auf einem Tisch liegen weitere Infos zum Spiel.

Gemeinsam hat der Wirtschaftskurs der Jahrgangsstufe 12 am bischöflichen Alexandrine-Hegemann-Berufskolleg eine Schülerfirma gegründet und das Spiel „Demokratica“ entwickelt. Begleitet wurden sie dabei von ihrer Lehrerin Tanja Lamsieh-Köhl (zweite von links).

© Bistum Münster

Das Konzept verbindet Brett- und Rollenspiel miteinander. Die Teilnehmenden schlüpfen in unterschiedliche Rollen und vertreten entweder progressive oder konservative Positionen. Als „Neudenker“ oder „Traditionsliebhaber“ diskutieren sie vorgegebene Fragestellungen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Über den Erfolg entscheiden die Mitspielenden in der Rolle von Wählerinnen und Wählern: Wer die überzeugenderen Argumente liefert, sammelt Punkte für sein Team. Gewonnen hat die Gruppe, die als Erste das Ziel auf dem Spielbrett erreicht. Eine Spielleitung sorgt dabei für einen fairen Ablauf und achtet darauf, dass die Diskussion respektvoll geführt wird.

Getestet wurde „Democratica“ unter anderem bei Jugendgruppen der Pfadfinder sowie in der Recklinghäuser Demokratiewerkstatt. Die Rückmeldungen fielen positiv aus. Geeignet sei das Spiel ab etwa der vierten Klasse. Für die jungen Entwicklerinnen und Entwickler steht fest: Wer in einer demokratischen Gesellschaft mitgestalten möchte, muss lernen, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und sachlich miteinander zu diskutieren.

Eine besondere Bühne erhielt das Projekt beim IW Junior Landeswettbewerb in Köln. Von 50 Bewerbungen wurden zehn Schülerfirmen ausgewählt, um ihr Unternehmen und ihre Produkte zu präsentieren – darunter auch das Team aus Recklinghausen. Für einen Platz auf dem Siegerpodest reichte es zwar nicht, dennoch war die Teilnahme ein voller Erfolg. „Es war eine tolle Erfahrung, das Spiel in diesem Rahmen vorzustellen. Außerdem haben wir dort bereits erste Bestellungen erhalten“, berichtet Rengel.

Auch wenn die Schülerfirma wirtschaftlich arbeitet, steht für die Beteiligten nicht der Gewinn im Vordergrund. Überschüsse sollen später an eine gemeinnützige Organisation gespendet werden. Wichtiger ist den jungen Erwachsenen, sich gesellschaftlich einzubringen und andere für demokratische Werte zu begeistern.

Unterstützt werden sie dabei von Lehrerin Tanja Lamsieh-Köhl, die den Wirtschaftskurs leitet, Politik sowie katholische Religion unterrichtet und als Schulseelsorgerin aktiv ist. „Eine Schülerfirma bietet die Möglichkeit, Unterricht praxisnah und auf besondere Weise zu gestalten. Dabei werden viele wichtige Kompetenzen gefördert“, sagt sie.

Noch ist „Democratica“ ein Prototyp. Die Planungen für die Serienproduktion laufen jedoch bereits. Vorbestellungen werden schon angenommen. „Wir hoffen, dass nach den Sommerferien alles fertig ist“, sagt Lilly Rengel.
Das Spiel soll für 14,99 Euro erhältlich sein. Verpackt in einem handlichen Beutel lässt es sich leicht transportieren und überall einsetzen, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen möchten. Über die E-Mail-Adresse demokratica.schuelerfirma@gmail.com ist ein Kontakt möglich. Auf Instagram gibt es weitere Informationen unter demokratica.spiel.

Michaela Kiepe