Reidegeld: Situation in Flüchtlingslagern in Krisengebieten ist dramatisch

"Es setzt sich dort niemand in ein Flugzeug, um sich hier den Scheck vom Sozialamt abzuholen."

Das hat der Stellvertretende Generalvikar des Bistums Münster, Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld jetzt im Blick auf die Situation betont, aus der die Menschen in Syrien und im Norden Iraks fliehen. Pfarrer Reidegeld kennt die Situation sozusagen aus ‚erster Hand‘.

Als Mitgründer der ‚Aktion Hoffnungsschimmer‘ setzt er sich bereits seit einem Jahr für die Verbesserung der Situation der Flüchtlinge in den Auffanglagern dieser Regionen ein. Dort erfährt er bei jedem seiner Besuche von Lebensgeschichten, die ihn sprachlos machen. "Genau diese Geschichten sind es, die wir an uns heranlassen müssen – dann haben wir keine andere Wahl als zu helfen", sagt Reidegeld in der aktuellen Ausgabe der Münsteraner Kirchenzeitung "Kirche + Leben".

Noch vor einigen Wochen finanzierte und organisierte die "Aktion Hoffnungsschimmer" zusammen mit Helfern vor Ort für 10.000 Euro Obst, das in ein Flüchtlingslager direkt an der türkisch-syrischen Grenze gebracht wurde. "Es gibt dort einen großen Engpass an Lebensmitteln", sagt Reidegeld.

Eine zweite, weitaus größere Lieferung von Grundnahrungsmitteln ging in den Norden des Iraks. "Dorthin kommt derzeit keine Hilfsorganisation", weiß der Stellvertretende Generalvikar. Insgesamt habe die Initiative bislang Spenden in Höhe von etwa 250. 000 Euro sammeln können, berichtet er. Ein Teil davon sei in akute Lebensmittelhilfe und Hilfe in Hygieneartikel gegangen. Ein anderer Teil sei für den Aufbau medizinischer Hilfe in Kobane und für Zelte im Singalgebirge vorgesehen, die momentan vorbereitet würden.

Im April, so erzählt er in "Kirche + Leben", sei er selbst noch vor Ort gewesen. Dabei habe er die "dramatische Situation" kennengelernt: "Mich wundert es überhaupt nicht, dass der Flüchtlingsstrom diese Ausmaße angenommen hat." Wer die Situation in den Lagern sehe, verstehe, warum die Menschen dort weg wollten. Es fehle an allem, sagt er: "Das Geld, das den Hilfsorganisation für einen Flüchtlinge im Monat zur Verfügung steht, hat sich von 36 Dollar zu Beginn des Jahres auf jetzt neun Dollar reduziert."

Den entscheidenden Grund für die Flucht sieht er in der "unglaublichen Gewalt", die in den Kriegsregionen herrsche. Reidegeld: "Wenn man einer Großmutter mir ihrem Enkel begegnet, dessen Eltern und sechs Geschwister bestialisch hingerichtet wurden, ahnt man, was dort alles geschieht." Die wenigsten wollten dorthin zurück, wo ihnen so etwas angetan worden sei. Auch, weil sie auf lange Sicht keine Sicherheit erwarteten: "Es waren oft Nachbarn, die sie denunziert haben", berichtet er.

Auch die Grenzregionen auf beiden Seiten seien von dieser Gewalt unterwandert. Das Misstrauen sei groß, selbst außerhalb des eigentlichen Kriegsgebiets. "Auch wir haben bei unseren Besuchen jeden Tag das Hotel wechseln müssen, um nicht in Gefahr zu geraten", erinnert er sich. Die Menschen wollten nichts sehnlicher, als endlich wieder in Ruhe und Frieden leben können: "Sie wollen eine Zukunft für ihre Kinder, wollen auch morgen noch am Leben sein."

Europa könne ihnen das bieten. Und es könne diese Situation auch meistern, zeigt sich Reidegeld im Gespräch mit "Kirche + Leben" überzeugt. "Ich habe Kleinstädte mit 50.000 Einwohnern erlebt, die über Monate 40.000 Flüchtlinge beherbergt haben." Ein Land wie Deutschland könne mit seinen 80 Millionen Einwohnern weitaus mehr leisten. Dass das nicht einfach sei, weiß er: "Aber Nächstenliebe ist kein Wellness-Programm – sie darf auch wehtun und uns etwas kosten."

Der Blick auf das Schicksal des einzelnen bringe dafür das entscheidende Gefühl. Die Nachricht von den 200 ertrunkenen Flüchtlingen aus der Zeitung vergesse man vielleicht schnell. Die Mutter, die von ihrem ertrunkenen Baby erzähle, dagegen nie wieder: "Ich bin überzeugt, dass wird in solchen Begegnungen die richtigen Antworten auf unsere Sorgen und Ängste finden."

Text: Bischöfliche Pressestelle
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