Schwester Lea Ackermann hält Fastenpredigt

"Ich bin überzeugt, dass die Globalisierung der größte Feind der Gerechtigkeit ist.

Zugleich aber bietet sie die größte Chance, eine gerechte Welt zu verwirklichen", sagte Schwester Dr. Lea Ackermann in ihrer Fastenpredigt zum Thema "Gerechtigkeit weltweit – geht das?" am Mittwochabend (19. März 2014) im St.-Paulus-Dom in Münster.

Die "Missionsschwester Unserer Lieben Frau in Afrika" ist seit drei Jahrzehnten das deutsche Gesicht im Kampf gegen Zwangs- und Elendsprostitution. Sie berichtete davon, wie sie 1985 in Kenia "Solwodi" gegründet hat, ein Hilfswerk, das für "Solidarität mit Frauen in Not" steht. "Begüterte Sex-Touristen kommen nach Kenia, sehen das Elend und kaufen es noch billig für ihr billiges Vergnügen ein", klagte die 77-Jährige an.

Am Beispiel der ehemaligen kenianischen Prostituierten Wambui zeigte Lea Ackermann aber auch auf, wie diese und ihre Kinder mit Hilfe von Solwodi neue Lebenschancen bekamen. 60 Solwodi-Selbsthilfegruppen gebe es inzwischen in Kenia. Ex-Prostituierte arbeiteten im Bäckerhandwerk, in der Landwirtschaft, stellten Kleidung und Seide her. "Es ist wunderbar zu sehen, dass dies möglich ist. Wir versuchen, dass die Frauen ihr Menschsein entdecken und entfalten können, damit ihnen Gerechtigkeit widerfährt", sagte Schwester Lea.

Drei Jahre nach der Gründung in Kenia baute die Ordensfrau "Solwodi" in Deutschland auf, um vor allem Migrantinnen aus dem Ostblock und Afrika zu helfen, die Opfer von Heirats- und Menschenhandel geworden sind. Die meisten Prostituierten kämen aus armen Ländern, "weil Frauen oft nur eine einzige Chancen haben: ihren Körper zu Kapital zu machen." Weltweit gebe es zurzeit 45 Millionen Flüchtlinge, die meisten seien Frauen und Kinder. Inzwischen engagiere sich Solwodi auch in Ruanda, Rumänien und Österreich.

Die genaue Zahl der Opfer von sexualisierter Gewalt liegt im Dunkeln. Während das Bundeskriminalamt 2011 bezogen auf Deutschland von 640 Betroffenen spricht, nennt die "International Organization for Migration" 20.000 Fälle. "Wie kommen diese Frauen hierher?", fragte die streitbare Ordensfrau und antwortete selbst: "Ganz einfach: Sie sind Waren in der globalisierten Welt, in der man dorthin geht, wo die Herstellungskosten und Dienstleistungen billig sind." Die Frauen seien Verschiebewaren wie Zuckerschoten, Gerbera, Kaffee, Tee und Ananas. Angebot und Nachfrage bestimmten den Preis. "Sie sind Teil eines liberalisierten Welthandels, weil der Reichtum in der Welt völlig ungerecht verteilt ist", erklärte Schwester Lea.

Im Dom erzählte Lea Ackermann auch vom Schicksal einer Zwölfjährigen, die in einem Düsseldorfer Nobelhotel drei Jahre lang zwangsprostituiert wurde und nach einem Suizidversuch zu "Solwodi" kam. Das Mädchen sei unter dem Motto "Teenie und tabulos" drei Jahre lang missbraucht worden. Zwei verantwortliche Täter seien dafür mit einem Jahr und sieben Monaten Gefängnis bestraft worden – "auf Bewährung", wie die Ordensfrau betonte.

Dieser Fall sei Anstoß für ihre Kampagne "Mach den Schluss-Strich!" gewesen. Bei der Aktion, für die 20.000 Unterschriften gesammelt wurden, geht es darum, nach schwedischem und französischem Vorbild Prostituion in Deutschland zu verbieten. "In einem Land, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind, dürfen nicht Vertreter der einen Hälfte Menschen der anderen ausbeuten", erläuterte die Schwester.

"Nicht die Frauen, sondern die Freier sollten bestraft werden", ergänzte sie bei der anschließenden Diskussion in der Bistumsakademie Franz-Hitze-Haus und schlug vor: "Das könnten zum Beispiel Strafen in Höhe eines Bußgeldbescheids sein. Wenn der Bescheid dann ins Haus flattert, kann auch die familiäre Diskussion beginnen." In Kürze will sie die Unterschriften den politisch Verantwortlichen in Berlin übergeben.

Für die Ordensfrau sind Prostitution und die Ausbeutung der Armen zentrale und aktuelle Phänomene von Ungerechtigkeit. "Aber warum sollte man überhaupt gerecht sein?", fragte sie. Durch Gerechtigkeit entstehe Frieden und das Reich Gottes, belegte Lea Ackermann mit Aussagen vom Kirchenlehrer Thomas von Aquin, des ehemaligen anglikanischen Bischofs von Kapstadt, Desmond Tutu und von Mahatma Gandhi. Letzterer habe gesagt: "Du und ich, wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich selbst zu verletzen." Jeder Missbrauch menschlicher Würde wirke auf den Verursacher zurück, "weil in uns allen ein Stück des einen Gottes steckt." Das sei eine universelle Erkenntnis, die alle Weltreligionen teilten.

Nicht zuletzt die Kirche habe die Aufgabe, sich für Gerechtigkeit in der Welt einzusetzen. Papst Franziskus habe in einem dramatischen Appell nach dem Besuch der Flüchtlingsinsel Lampedusa die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" angeklagt und eine neue "Kultur der Solidarität" gefordert.

"Jeder von uns ist mitverantwortlich für das Gute oder Schlechte", sagte Lea Ackermann. Mit Papst Franziskus müsse man "Nein" sagen zu Geld, das andere ausbeute, statt ihnen zu dienen. Die Gerechtigkeit sei die höchste und eigentliche Form des Gutseins. Gut-Sein aber beginne bei jedem Einzelnen. "Wenn wir alle die Verantwortung im Kleinen annehmen, können wir das Große in der globalisierten Welt gestalten", ist die Ordenfrau überzeugt.

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Text: Bischöfliche Pressestelle
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