Stephan Orth: Christfluencer – einfach glauben?

, Bistum Münster

Themen gibt es viele, Meinungen noch mehr. Nicht immer werden sie sachlich vorgebracht und ausgetauscht. Und viel zu oft bestimmen Empörung, Negativität, Ich-Bezogenheit und gegenseitige Attacken die Diskussionen. „Die Montagsmeinung“, das Meinungsformat des Bistums Münster, soll hier ein anderes Zeichen setzen. Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kirche, die sich dem Bistum verbunden fühlen, setzen sich darin mit Themen auseinander, die für sie und andere relevant und aktuell sind. Die Autorinnen und Autoren lassen es aber nicht bei Klagen und Kritik. Sie haben vielmehr konstruktive Ideen und Lösungsansätze. Diese teilen sie mit uns an dieser Stelle alle 14 Tage montags.

In der heutigen Montagsmeinung äußert sich Stephan Orth. Der 33-jährige Theologe und Pastoralreferent, der regelmäßig Impulse auf „Kirche im WDR“ veröffentlicht, arbeitet als Schulseelsorger am Kardinal-von-Galen-Gymnasium in Münster-Hiltrup und fängt am 1. Juli zusätzlich als Seelsorger am St.-Paulus-Dom an. Er engagiert sich im Vorstand des Stadtjugendrings Münster e. V. und als Kuratoriumsmitglied in der BDKJ-Jugendstiftung Weitblick.

Stephan Orth

© privat

Sie sind jung, medienaffin, ästhetisch durchinszeniert – und haben oft ein klares Angebot: „Christfluencer“.

Kurze Videos, klare Botschaften, einfache Antworten. Was es heißt zu glauben, scheint plötzlich eindeutig. Nicht selten wird die „richtige“ Seite mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelzitaten begründet. Wer braucht schon historisch-kritische Exegese, wenn Ken-Burns-Effekt und dramatische Musik reichen?

Das verfängt bei vielen jungen Menschen. Vielleicht als Ausdruck einer Sehnsucht: „Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein sei ein Nein.“ Klarheit – zumindest auf den ersten Blick. Hinzu kommt eine Romantisierung kirchlicher Eindeutigkeit, die es so nie gegeben hat.

Natürlich ist der christliche Glaube nicht beliebig. Aber seine Verbindlichkeit besteht nicht darin, Komplexität auszublenden. Der Glaube ist keine Anleitung für Ikea-Regale oder ein Gesinnungstest.

Und doch: klare Fronten, klare Zugehörigkeiten. Viel Hochmut, wenig Demut. Wer zweifelt, steht schnell auf der falschen Seite. Biografien, Brüche, Erfahrungen – all das zählt dann kaum noch. Geht es um Verkündigung der Liebe oder Abgrenzung von der Welt?

Gott ist ein Geheimnis. Wann, wie und ob er sich schenkt, liegt nicht in meiner Hand. Genau darin liegt die Tiefe des Glaubens. Ein Glaube, der meint, alles zu wissen, und andere abwertet, wird zur Flucht in die Ideologie. Wo er sich gegen Dialog und Menschlichkeit immunisiert, wird er schnell zum gefährlichen Extremismus.

Warum verfängt das trotzdem? Weil es ein Bedürfnis trifft. In einer komplexen, säkularen Gesellschaft wächst der Wunsch nach Orientierung, nach Gewissheiten und einfachen Antworten. Viele Formate liefern genau das: schnell, emotional, zugänglich. Beziehung wird simuliert, ohne wirklich stattzufinden. Inhalte lassen sich im „Safe Space“ des Endgeräts konsumieren – ohne Widerspruch, ohne Gegenüber.

Was ist mit Austausch, mit dem Ringen um Wahrheit, mit der gemeinsamen Suche?

Auffällig ist zudem: Auch in der Kirche wird dieser Trend mitunter gefeiert. Mehr Klarheit, mehr Ästhetik, mehr Emotionalität – und schon soll sich der Bedeutungsverlust umkehren. Wirklich? Und wo bleibt die Reflexion?

Mal ehrlich: Es gab nie die eine, eindeutige katholische Kirche. Katholisch sein heißt: Vielfalt aushalten. Nicht nur Einzelne, sondern alle einschließen – zwischen Überlieferung und Neuerung, Ritualität und Spontanität. Problematisch wird es, wenn aus dem katholischen „et et“, dem „sowohl als auch“, ein partikulares „aut aut“ wird: ein „entweder oder“. Dann geht es nicht mehr um Gott, sondern um Identität und Macht.

Einfache Sicherheiten tragen selten weit. Und wenn das Luftschloss frommer Eindeutigkeit zusammenbricht, fällt man tief.

Wird Gott gewusst, wird er nicht mehr geglaubt. Was es braucht, ist eine andere Haltung – und Mut: weniger Eindeutigkeit, mehr Demut; weniger Enge, mehr Weite; weniger Parolen, mehr Dialog. Nicht gegen die Tradition, sondern aus ihrer Tiefe heraus. Dann wird aus einfacher Selbstvergewisserung begründete Hoffnung.

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