
Stephan Orth
© privatSie sind jung, medienaffin, ästhetisch durchinszeniert – und haben oft ein klares Angebot: „Christfluencer“.
Kurze Videos, klare Botschaften, einfache Antworten. Was es heißt zu glauben, scheint plötzlich eindeutig. Nicht selten wird die „richtige“ Seite mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelzitaten begründet. Wer braucht schon historisch-kritische Exegese, wenn Ken-Burns-Effekt und dramatische Musik reichen?
Das verfängt bei vielen jungen Menschen. Vielleicht als Ausdruck einer Sehnsucht: „Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein sei ein Nein.“ Klarheit – zumindest auf den ersten Blick. Hinzu kommt eine Romantisierung kirchlicher Eindeutigkeit, die es so nie gegeben hat.
Natürlich ist der christliche Glaube nicht beliebig. Aber seine Verbindlichkeit besteht nicht darin, Komplexität auszublenden. Der Glaube ist keine Anleitung für Ikea-Regale oder ein Gesinnungstest.
Und doch: klare Fronten, klare Zugehörigkeiten. Viel Hochmut, wenig Demut. Wer zweifelt, steht schnell auf der falschen Seite. Biografien, Brüche, Erfahrungen – all das zählt dann kaum noch. Geht es um Verkündigung der Liebe oder Abgrenzung von der Welt?
Gott ist ein Geheimnis. Wann, wie und ob er sich schenkt, liegt nicht in meiner Hand. Genau darin liegt die Tiefe des Glaubens. Ein Glaube, der meint, alles zu wissen, und andere abwertet, wird zur Flucht in die Ideologie. Wo er sich gegen Dialog und Menschlichkeit immunisiert, wird er schnell zum gefährlichen Extremismus.
Warum verfängt das trotzdem? Weil es ein Bedürfnis trifft. In einer komplexen, säkularen Gesellschaft wächst der Wunsch nach Orientierung, nach Gewissheiten und einfachen Antworten. Viele Formate liefern genau das: schnell, emotional, zugänglich. Beziehung wird simuliert, ohne wirklich stattzufinden. Inhalte lassen sich im „Safe Space“ des Endgeräts konsumieren – ohne Widerspruch, ohne Gegenüber.
Was ist mit Austausch, mit dem Ringen um Wahrheit, mit der gemeinsamen Suche?
Auffällig ist zudem: Auch in der Kirche wird dieser Trend mitunter gefeiert. Mehr Klarheit, mehr Ästhetik, mehr Emotionalität – und schon soll sich der Bedeutungsverlust umkehren. Wirklich? Und wo bleibt die Reflexion?
Mal ehrlich: Es gab nie die eine, eindeutige katholische Kirche. Katholisch sein heißt: Vielfalt aushalten. Nicht nur Einzelne, sondern alle einschließen – zwischen Überlieferung und Neuerung, Ritualität und Spontanität. Problematisch wird es, wenn aus dem katholischen „et et“, dem „sowohl als auch“, ein partikulares „aut aut“ wird: ein „entweder oder“. Dann geht es nicht mehr um Gott, sondern um Identität und Macht.
Einfache Sicherheiten tragen selten weit. Und wenn das Luftschloss frommer Eindeutigkeit zusammenbricht, fällt man tief.
Wird Gott gewusst, wird er nicht mehr geglaubt. Was es braucht, ist eine andere Haltung – und Mut: weniger Eindeutigkeit, mehr Demut; weniger Enge, mehr Weite; weniger Parolen, mehr Dialog. Nicht gegen die Tradition, sondern aus ihrer Tiefe heraus. Dann wird aus einfacher Selbstvergewisserung begründete Hoffnung.
