Studierende vermitteln Syrern Sprache
Rozk freut sich darauf, den Führerschein zu machen – typisch für einen 18-Jährigen. Anna Maria freut sich, Grammatik zu lernen – eher untypisch für eine 13-Jährige.
Vor allem aber freuen sich beide, dass sie sich mit diesen, für Gleichaltrige ganz alltäglichen Themen überhaupt beschäftigen können. Denn Anna Maria Abou Nemer und ihr Cousin Rozk Alla Biram sind Flüchtlinge aus Syrien, wohnen seit Dezember im Bischöflichen Studierendenwohnheim Breul 23 in Münster. Im Projekt ,Sprache durch Sprechen‘ vertiefen sie und Landsleute mit Studierenden ihr Deutsch – zum Vorteil beider Seiten, wie die Studentinnen Christina Schaepers und Elisabeth Dettmer sowie Anna Maria und Rozk schildern.
Die Idee sei um Weihnachten entstanden, erzählt Konrad von der Beeke, pädagogischer Leiter beim Bischöflichen Studierendenwerk gGmbH. Diese hatte sich bereiterklärt, in der leerstehenden Heimleiterwohnung im Breul 23 Flüchtlingsfamilien aufzunehmen. Es kamen die Familien von Anna Maria und Rozk, weitere Flüchtlinge folgten. "Wir haben uns gefragt, wie wir deren Integration fördern und die Potenziale der Studierenden nutzen können", erklärt von der Beeke, "und weil Sprache Voraussetzung für Integration ist, haben wir den Studierenden vorgeschlagen, sich mit den Flüchtlingen zu treffen und einfach zu sprechen."
Bei Hausversammlungen im Deutschen Studentenheim und im Fürstin-von-Gallitzin-Heim habe man das Anliegen vorgetragen. 20 Studierende hätten sich bereiterklärt, ehrenamtlich bei dem Projekt mitzumachen, das den staatlichen Sprachkurs für Asylberechtigte ergänzen soll. Sie schlossen sich mit rund 20 Flüchtlingen zwischen vier und 50 Jahren zusammen. Je zwei Deutsche betreuen einen Syrer. Damit sind Treffen in regelmäßigen Abständen trotz der Studienbelastung möglich.
So sitzen Elisabeth und Anna Maria ein- bis dreimal in der Woche zusammen. Die Germanistik- und Theologie-Studentin hilft der Jugendlichen, die eine Sprachförderklasse der Geistschule besucht, bei den Hausaufgaben, redet mit ihr über ihren Alltag. "Anna Maria ist wild auf Grammatik", beschreibt die 21-Jährige lächelnd, "Diktate mag sie aber nicht so gern."
Rozk hingegen bringt statt eines Grammatikbuches zurzeit lieber die Übungsbögen für Führerscheinbewerber mit zu den Treffen mit Christina, denn seit kurzem ist er Fahrschüler. Christina findet dieses Thema passend: "Bei den Gesprächsinhalten schauen wir auf die Interessen der Lernenden und auf ihren Alltag." Mit solch einem engen Bezug zur Realität, ist sich die 26-jährige Physik- und Geografie-Studentin sicher, lernt man eine Sprache besser.
Anna Maria, Rozk und ihre Familien sind als asylberechtigt anerkannt beziehungsweise haben Asylanträge gestellt. Die Kosten für den Führerschein spart Rozk von den staatlichen Leistungen ab, zahlt sie in Raten. Der 18-Jährige hat ein großes Ziel: "Ich möchte studieren." Umso engagierter lernt er, dessen syrisches Abitur in Deutschland anerkannt wird, damit er die ,Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang‘ schafft. Christina macht ihm dazu Mut: "Er ist verdammt gut."
Sie und Elisabeth mussten nicht lange überlegen, ob sie bei ,Sprache durch Sprechen‘ mitmachen. "Mir war es wichtig, mich einzusetzen, damit Menschen, die alles aufgeben mussten, gut aufgenommen werden", erklärt Elisabeth. Außerdem profitiere sie auch selbst: "Ich studiere auf Lehramt und kann hier ausprobieren, wie ich meine Muttersprache vermittele."
Gesprochen wird also über das Heute – weniger über das Gestern. Über das Leben in der syrischen Hauptstadt Damaskus sagt Rozk nur: "Es war gefährlich, für jeden, nicht nur für uns Christen." Anna Maria bestätigt das nur mit einem leisen "Ja" und senkt den Kopf.
Umso froher sind sie, in Deutschland zu sein. "Wir sind sehr zufrieden", sagt Rozk, "wir haben noch keine Ablehnung erlebt." Das liegt sicher auch an ihrer eigenen Freundlichkeit, Lernbereitschaft und Flexibilität. "Sie haben sich sehr schnell angepasst und eingelebt", findet Christina. Und Elisabeth bestätigt: "Mit den Buslinien in Münster kennt sich Anna Maria besser aus als ich, als wir neulich zusammen in der Stadt unterwegs waren, hat sie mir erklärt, welche Busse wir wann nehmen müssen." Auch das ist wohl ein gutes Zeichen für ein buchstäbliches Ankommen in der neuen Heimat – nicht zuletzt dank des Projekts ,Sprache durch Sprechen‘.
Text: Bischöfliche Pressestelle
Kontakt: Pressestelle[at]bistum-muenster.de
