VorGeschichte und Bedeutung des Buchs

Natürlich könne der Bischof heutzutage Texte für die Liturgie als App auf sein Handy laden, aber "hoffentlich tut er es nicht und nutzt lieber weiterhin wunderbar gestaltete Messbücher".

Mit einem Augenzwinkern nahm Bibliothekar und Autor Reinhard Feldmann die Zuhörerinnen und Zuhörer seines Vortrags im Kreuzgang des St.-Paulus-Doms Münster am Donnerstagabend (10. Juli 2014) mit in die Welt der Bücher "zwischen Kultobjekt und Gebrauchsgegenstand".

Der Vortrag war der dritte in der zehnteiligen Vortragsreihe "Kreuzgänge", die anlässlich des 750-jährigen Domjubiläums stattfindet. Dabei folgten dem Referenten eine gute Stunde lang rund 80 Interessierte durch die Jahrhunderte bis in die heutige "Spätphase" des Buches, dem er mit Überzeugung allen modernen Medien zum Trotz eine Zukunft verhieß.

Feldmann, der Bibliotheksdirektor im Dezernat historische Bestände der Universitäts- und Landesbibiliothek in Münster ist, legte in seinen von beeindruckenden Bildern begleiteten Ausführungen vor allem die Bedeutung von Büchern als Informations- und Überlieferungsquellen dar. "Die Zerstörung von Bibliotheken als vorsätzliche Auslöschung des kulturellen Erbes eines Feindes ist bis in die Gegenwart bekannt", erinnerte er. Dazu nannte er Beispiele aus der Herrschaft der Wiedertäufer, die 1534 die münstersche Dombibliothek verwüsteten, aus dem Ersten Weltkrieg etwa in Belgien sowie aus der Moderne im Bosnienkrieg oder in afrikanischen Konflikten.

Doch nicht allein Feuer und Kriege, auch Revolutionen oder Machtwechsel bedrohten historische Buchbestände. Das Ende der Fürstbistümer oder die Auflösung von Klöstern sorgten dafür, dass ganze Sammlungen verkauft und zerstreut wurden. Dabei blieb oft "nützliche Literatur" wie wissenschaftliche Abhandlungen oder Kräuter- und Medizinbücher erhalten, während etwa Theologisches weniger wertgeschätzt wurde. "Zum Glück gibt es schon länger vehemente Bemühungen, historische Bibliotheken wie zum Beispiel im Kloster Corvey oder dem Jodokus-Kloster in Bielefeld zu rekonstruieren", berichtete der Referent.

Von ganz anderen Gefahren allerdings war die Rede, als es um das Material von Büchern ging: Der Zahn der Zeit nagt ebenso an ihnen wie die im Zuge der Massenproduktionen ab Ende des 18. Jahrhunderts verringerte Papierqualität. Der Säuregehalt des Papiers treibt so manchem Konservator Sorgenfalten auf die Stirn.

Feldmann stellte Bücher auch ins Verhältnis zu den Medien der Neuzeit. "Hielt das Pergament noch tausend Jahre, nimmt die Haltbarkeit von Datenträgern immer weiter ab", erklärte er unter Bezug auf eine Floppy-Disk, die heute nahezu niemand mehr auslesen kann. "Die Haltbarkeit von Homepages liegt inzwischen durchschnittlich bei einem halben Jahr", sagte der Referent. Er war sich allerdings sicher, dass trotz allen raschen Medienwandels das Alte nie ganz verdrängt worden sei. "Das berühmte papierlose Büro gibt es längst nicht!", verblüffte er seine Zuhörer mit der Tatsache, dass im Schnitt jeder Deutsche rund 2.000 Blatt Papier pro Jahr verbrauche – Tendenz steigend. Das gebe auch dem aktuellen Buch eine Zukunftschance, von der wachsenden Wertschätzung für unschätzbare Überlieferungen und historische Quellen ganz zu schweigen.

Zu denen gehört unter anderen auch das Hoya-Missale, ein spätmittelalterlicher Prachtcodex, der als bedeutendste Pergamenthandschrift der Sammlung der Universitäts- und Landesbibliothek Münster gilt und aus der einstigen Bibliothek des St. Paulus-Domes stammt. Aus den 56 Bildinitialen dieses Messbuchs stammten übrigens zwei Motive für die Weihnachtswohlfahrtsmarken 2009.

Vielerlei Nachdenkenswertes streifte Reinhard Feldmann in seinem einstündigen Vortrag nur am Rande, wie etwa den Vergleich, dass für die Zehn Gebote einst zwei Tafeln ausreichten, während eine EU-Vorschrift heute rasch mehrere hundert Seiten umfassen könne . Solche und ähnliche Fragen – etwa nach dem Wert von Information und dem Wert von Büchern generell, nach Wissen als Rohstoff und schließlich nach der Bibliothek auch als Garant der Meinungsfreiheit durch den freien Zugriff auf Quellen – würden ohne Zweifel viele weitere spannende Kreuzgang-Abende füllen.

Text: Bischöfliche Pressestelle
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