Wochenende zum Thema Tod und Trauer für junge Erwachsene

Vernarbtes kann schmerzen oder gar aufreißen, manchmal nach Jahren. Das gilt auch für seelische Narben nach dem Tod eines lieben Menschen. Für die dann aufkommenden Gefühle, für die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer bot Anfang Juni ein Wochenende für junge Erwachsene Raum.

Veranstalter waren das Bistum Münster und das Haus Ohrbeck, eine katholische Bildungsstätte im Bistum Osnabrück. Lena Habermann aus Oldenburg war eine der Teilnehmerinnen im Haus Ohrbeck in Georgsmarienhütte. Sie sagt: "Für mich war das Wochenende eine einzige Gotteserfahrung."

Es habe "so viel Anteilnahme aneinander, aufeinander achtgeben, einander zuhören und Vertrauen schenken" stattgefunden, schildert Habermann, deren Mutter vor neun Jahren starb. Der Seminartitel "Du fehlst. Meine Trauer. Meine Erinnerungen" habe sie angesprochen: "Weil er beschreibt, was auch nach neun Jahren noch Realität ist: dass der Mensch, der einem am nächsten steht, nicht mehr da ist, und die Lücke nie gefüllt wird."

In das Wochenende ging die 31-Jährige mit einer vagen Absicht: "Für mich stand mehr das Erinnern als das Trauern im Mittelpunkt, ich wollte der Erinnerung Raum und Zeit geben, was ich im Alltag so bewusst eher nicht unterbringen kann." Für Christoph Aperdannier vom Referat Junge Erwachsene des Bistums Münster, neben Aadel Maximilian Anuth Leiter des Wochenendes, ist diese Haltung in Ordnung. Bewusst habe man im Anmeldeflyer formuliert "Was ihr braucht, kann geschehen." Das sei die Haltung der Veranstaltung. "Unsere Methoden, Rituale waren Angebote, die genutzt werden konnten, wenn sie für die persönliche Auseinandersetzung gerade passten.". Denn Erinnern und Trauer seien sehr individuell.

Bei so viel Freiraum kann sich dann alles auch anders entwickeln als erwartet. "Ich war überrascht, dass die Trauer im Lauf des Wochenendes mit Wucht wieder spürbar war", beschreibt Habermann, "für mich war das aber nicht unangenehm, sondern befreiend."

Begünstigt wurde das durch die Stimmung zwischen den zehn Teilnehmenden, alle zwischen 18 und 33 Jahren alt. "Es gab von Beginn an eine sehr vertrauensvolle Atmosphäre", erzählt Habermann, "das Wissen, dass wir alle eine ähnlich einschneidende Erfahrung gemacht haben, hat uns sehr verbunden." Die Gruppe habe aber auch Spaß gehabt: "Wir konnten herzlich und viel gemeinsam lachen, was bei dem Thema ja nicht unbedingt zu erwarten war."

Möglich wurde diese Vielfalt durch genauso vielfältige Angebote. Unter anderem konnte jeder für sich bei einem Rundgang an Stationen wie Raum der Stille, Kapelle oder in der Natur Erinnerungen an den Verstorbenen, Trauer und Dankbarkeit nachspüren. Der Rückblick auf Sterben, Abschiednehmen, Beerdigung und die Zeit danach wurde ebenso wenig ausgespart wie ungeklärte Situationen. "An einigen Stationen gab es Angebote zur aktiven Auseinandersetzung, ein Ritual, eine kreativere Ausdrucksmöglichkeit", ergänzt Aperdannier. Weil die Teilnehmer außerdem über ihre Situation sprechen wollten, habe man auch das ermöglicht.

Ganz habe sich das Angebot an junge Erwachsene gerichtet. "Sie haben oft zum ersten Mal Kontakt mit Sterben und Tod", erklärt Aperdannier. Viele Teilnehmende hätten zuvor kaum über ihre Trauer sprechen können, da Gleichaltrige damit keine Erfahrung hätten und unsicher seien. So werde die Trauer oft "weggetröstet". Diese Erfahrung sei spürbar gewesen. "Vom ersten Moment gingen die Teilnehmer in einer unglaublich intimen Atmosphäre sehr sensibel und offen mit ihren existenziellen Erfahrungen des Trauerns um und sprachen ihre Gedanken und Fragen an", schildert Aperdannier. Dabei seien ähnliche Lebensphase und Lebensfragen hilfreich gewesen. Habermann bestätigt das: "Gerade für die, die in Familie oder Freundeskreis wenig über ihren Verlust sprechen können, war der Austausch wichtig und stützend."

Beim Austausch blieb es aber nicht, sondern es ging ebenso um Perspektiven: Die Referenten brachten die christliche Hoffnung auf Auferstehung ins Gespräch. Viele Teilnehmer hätten danach von sich aus gefragt und zudem religiöse Angebote wie Gottesdienste und Morgenlobe genutzt, berichtet Aperdannier. Der Christin Lena Habermann war dieser religiöse Aspekt wichtig. "Es hat sich ein Stück weit so angefühlt, als ,berührten sich Himmel und Erde‘, ich bin sehr dankbar dafür", sagt sie. Zugleich hätten sich auch die nicht Gläubigen "am richtigen Platz gefühlt." Schließlich könne man sich an Gemeinschaft freuen, "ohne gleich den Heiligen Geist am Werke zu sehen", ist Habermann überzeugt.

Damit diese Gemeinschaft und Stärkung weitere Trauernde erfahren, soll es laut Aperdannier ähnliche Angebote auch in Zukunft geben. Lena Habermann hält das für sinnvoll, weil für sie selbst das Wochenende lohnend war: "Das Wochenende hat mir neue Wege gezeigt, wie ich Trauer und Erinnerung zulassen und Raum in meinem Leben geben kann, und mich dazu ermutigt, das auch zu tun. Abgesehen davon hat es mir aber auch einfach sehr gut getan, mich so intensiv mit Menschen in einer ähnlichen Situation auszutauschen."


Bildunterschriften:

  • An verschiedenen Stationen setzten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für sich mit ihrer Trauer auseinander.
  • Für Trauer und Erinnerungen war an diesem Wochenende reichlich Raum.
  • Den Halt in der Gemeinschaft zu erfahren: Auch das war einer der wichtigen Inhalte an diesem Wochenende

Text: Bischöfliche Pressestelle / 15.06.16
Kontakt: Pressestelle[at]bistum-muenster.de
Fotos: Christoph Aperdannier