Zum 350. Mal pilgerten Menschen aus Werne nach Werl

, Kreisdekanat Coesfeld

„Es tut gut!“, sagt Klemens Pieper, Wallfahrtsleiter in Werne, über das jährliche Aufbrechen von Werne nach Werl. Die knappe Antwort greift das diesjährige Werler Pilgermotto „Wenn es dir guttut, dann komm!“ auf. Die an einen Ausspruch des heiligen Franziskus von Assisi angelehnte offene Einladung spreche viele Menschen an, sagt Pieper. Das hat der 66-Jährige in seinem Umfeld und auch von vielen anderen Pilgerinnen und Pilgern erfahren. Sie fühlen sich eingeladen und gleichzeitig selbstbestimmt: „Wenn ich es will, dann mache ich es“. So komme diese Botschaft an. Und viele wollen: 375 Fuß- und 52 Radpilger machten sich am letzten August-Wochenende 2026 auf den 33 Kilometer langen Weg, dieses Jahr zum 350. Mal. Und das seit 1676 ohne Unterbrechung.

Viele Menschen schauen und fotografieren.

Nach 33 Kilometern kommen die Pilger an der Wallfahrtsbasilika in Werl an.

© Marienwallfahrt Werl

Viele Menschen gehen hintereinander einen Weg.

Viele Pilgerinnen und Pilger machten sich auf den Weg getreu dem diesjährigen Werler Pilgermotto „Wenn es dir guttut, dann komm!“.

© Marienwallfahrt Werl

Für Klemens Pieper ist die Wallfahrt zugleich eine gemeinschaftliche und eine persönliche Glaubenserfahrung. „Früher begann man um 4 Uhr, heute um 5.30 Uhr. Es wurde noch mehr gebetet und gesungen. Das passiert heute auch noch, aber weniger. Heute kann jeder zwischendurch auch mal in sich gehen, sich ausklinken. Das suchen die Menschen auch.“

Gemeinsames Gebet und Gesang bleiben, zugleich gewinnt die persönliche Einkehr mehr Raum. Auch wer nicht mitsingt, gehört dazu. Ist die Wallfahrt dadurch freier geworden? „Ich weiß nicht… Auf jeden Fall ist es bequemer, aber immer noch anstrengend“, sagt Pieper. Laufen, Singen, Beten, Ankommen, Meditation, Lichterprozession und das Pontifikalamt am nächsten Morgen fordern die Pilgernden. Über den gesamten Weg wird zudem das viereinhalb Kilo schwere Wallfahrtskreuz und so manche Fahne mitgetragen.

Wie die ersten Kapuziner und Menschen aus ihrer Gemeinde vor 350 Jahren von Werne zum benachbarten Kloster in Werl gingen, lässt sich heute nur erahnen. Vermutlich nutzten sie vor allem unbefestigte Wege, möglicherweise in Sandalen oder barfuß. „Mir vorzustellen, wie sie gegangen sind, das vermag ich gar nicht – wobei Franziskus als geistlicher Gründervater des Kapuziner-Ordens auch immer barfuß gelaufen ist. Aber ganz andere Wege, viel mehr Graswege. Wir haben eigentlich nur noch Asphalt“, unterstreicht Klemens Pieper.

Heute sind es nicht Wegelagerer oder Hunger als Gefahrenquellen. Der zunehmende Verkehr ist gefährlich, die Strecke wurde über die Jahre immer wieder angepasst, weil es an den Bundesstraßen zu eng wurde: „Unser ausdrücklicher Dank gilt der Polizei, dass sie uns so gut unterstützt und bereitwillig hilft“, sagt Klemens Pieper.

Menschen in Gewändern und mit Kerzen in der Hand stehen vor dem Gnadenbild.

Weihbischof Rolf Lohmann (dritter von links) und Pfarrdechant Jürgen Schäfer (rechts) feierten gemeinsam mit den Gläubigen die Lichterprozession.

© Marienwallfahrt Werl

Das Kreuz zieht voran, es folgen Fahnen, Gesang und eine Prozession durch Stadt und Landschaft. Die Wallfahrt verbindet körperliche Anstrengung mit Gebet, Gemeinschaft und öffentlichem Glaubensbekenntnis. „Es ist kein Wandern, es ist Pilgern!“, unterstreicht der Wallfahrtsleiter. Der Unterschied liegt nicht nur im Gehen selbst, sondern im geistlichen Ziel.

Entscheidend bleibt bei allen Motiven das Ziel der Wallfahrt: „Einmal im Jahr die Mutter Gottes besuchen.“ Das gilt bis heute. „Für mich ist es beeindruckend, dass so etwas über 350 Jahre Bestand hat, weil Menschen sich dafür einsetzen“, sagt Klemens Pieper, der in Werne dem Wallfahrtsausschuss mit einem Dutzend Engagierten vorsteht.

Während die Pilgernden vor 350 Jahren vorhergehende Brandkatastrophen oder gar die Pest als Nöte mit nach Werl brachten, sind es heute ganz andere Sorgen. Aber auch hier bleibt beständig, was der Wallfahrtsleiter erlebt, wenn er vor das Gnadenbild tritt: „Ich bin vor 50 Jahren das erste Mal mitgepilgert und wollte seitdem immer zur Maria, denn ich erfahre Hilfe durch sie.“ Wie? „Dadurch, dass man sich hinterher anders fühlt. Der Hinweg ist für mich immer das Schwerste, da habe ich die Ängste, Sorgen, Nöte dabei, die mir aufgetragen wurden, mit der Bitte: ,Wenn du hingehst, nimm sie mit, zünde eine Kerze an, leg sie vor Maria.‘ Und dann sind da noch die eigenen Sorgen und Ängste, die ich ihr hinlege. Wenn ich mich dann verabschiede, ist das losgelassen, dann geht der Rückweg einfacher.“

Die Madonna steht festlich geschmückt im Altarraum.

Seit mehr als 360 Jahren ist die „Trösterin der Betrübten“ das Ziel von Prozessionen und Wallfahrten. Das Gnadenbild der Thronenden Madonna wird Jahr für Jahr von tausenden Gläubigen aufgesucht und verehrt.

© Marienwallfahrt Werl

„Dies alles hat bis heute Bestand“, betont Klemens Pieper einmal mehr und zeigt sich selbst beeindruckt: „Es gibt viele, die wirklich sagen: Das tut gut, wieder hier zu sein. Es ist gut, dass wir das machen und dass es Leute gibt, die es am Leben erhalten.“ Und viele wollen mit. Bis aus Schweden und Irland kamen sie in diesem Jahr angereist. Viele Pilgernde aus Werne selbst und einige Kapuziner, darunter Bruder Helmut, Provinzial aus München, gingen mit, und einen Teil des Weges auch der Münsteraner Weihbischof Rolf Lohmann. Klemens Pieper: „Wir hatten über den ganzen Weg immer geistliche Betreuung. Die Padres wie der Weihbischof sind immer mal wieder angesprochen worden, konnten über den Weg gut ins Gespräch kommen.“ Und auch nach der Rückkehr aus Werl am Sonntag wurden alle 100 Fußpilgernde, die beide Wege meisterten, gemeinschaftlich in Empfang genommen.

Eine Geste war indes zum 350-Jährigen ein absolutes Highlight, so Klemens Pieper. Die Muttergottes ging dieses Mal sinnbildlich hin zu den Pilgern: „Das Wallfahrtsteam Werl war mit der tragbaren Madonna da. Das war Gänsehaut pur für alle.“

Text: Sonja Funke (Erzbistum Paderborn)/Fotos: Markus Ende (Marienwallfahrt Werl)