Durch die Phänomene sexuellen und geistlichen Missbrauchs in der Kirche liegt es allzu nahe, die Potentia als rein negativ zu betrachten oder sogar zu verteufeln. Ohne Zweifel ist Macht ambivalent, missbrauchsanfällig, sie hat dunkle Seiten und kann schnell korrumpieren. Kaum jemand ist da nicht verführbar. Macht braucht einen kultivierten Umgang … und „checks and balances“. Dennoch: Was wären Menschen ohne Macht – als einem Vermögen, zu gestalten, selbstwirksam und potent im Sinne von fruchtbar zu sein …? Der Jesuit Stefan Kiechle nennt als ersten seiner zwölf Leitsätze zur Macht: „Nehmen Sie ihre Macht an und üben Sie sie aus. Sie ist ein gutes Mittel, um Gutes zu tun“ und Zielen zu dienen. Macht kann und soll dazu beitragen, andere zu ermächtigen. Auffällig auch, dass die Rede von einem potenten, allmächtigen Gott inzwischen vielfach als toxisch und spirituell gefährdend gilt und als Alternative die Theologie eines schwachen Gottes bevorzugt wird. Wie überzeugend ist es, den Machtbegriff aus der Gotteslehre zu eliminieren angesichts der nüchternen Analyse Michel Foucaults, dass Macht überall ist, von überallher kommt und es daher immer nur um das „Wie“ der Machtausübung geht? Müsste man nicht differenzierter von einer „Andersmacht“ Gottes sprechen, auch um sich nicht der Möglichkeit zu begeben, den Machtbegriff theologisch und damit menschendienlich mitprägen zu können? Hält es einer verantworteten Exegese der Evangelien stand, wenn theologische und spirituelle Literatur immer wieder vorrangig von der Ohnmacht und Schwäche Jesu sprechen und seinem Machtverzicht.
Ort online
Zielgruppe Priester, Diakone, Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten
Referentin Prof. Dr. Michael Höffner
