Einführungsrede von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ

Gehalten am Ludgerustag, 26. März 2026, im St.-Paulus-Dom

Liebe Mitbrüder im diakonalen, priesterlichen und bischöflichen Dienst,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pastoral und den Einrichtungen des Bistums, 
liebe Schwestern und Brüder,

„Brannte nicht unser Herz?“

zwei Menschen sind unterwegs.
Sie gehen von Jerusalem nach Emmaus.
Verunsichert. Enttäuscht. Ratlos.

Sie wissen nicht mehr, wie es weitergeht.
Was sie geglaubt haben, scheint zerbrochen.
Was sie getragen hat, ist ihnen entglitten.

Und mitten in diese Bewegung hinein tritt einer.
Er geht mit.
Er hört zu.
Er fragt nach.
Er deutet ihr Leben.

Sie erkennen ihn nicht.
Und doch geschieht etwas.

Am Ende sagen sie:
„Brannte nicht unser Herz, als er unterwegs mit uns sprach?“

Ist das nicht eine Geschichte für unsere postmoderne Zeit?
Auch wir sind unterwegs.
Auch wir suchen.
Auch wir fragen:
Was trägt? Was bleibt? Was gibt Sinn?

Vielleicht ist das der Weg der Kirche heute:
aufsuchen, zuhören, verstehen – und dann vorangehen.

Nicht alles wissen.
Nicht alles erklären können.
Aber unterwegs sein.

Und darauf vertrauen:
Gott begegnet uns – oft unerkannt, oft leise, aber immer wirklich.

Dank und Respekt

Der neu ernannte Münsteraner Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ bei seiner ersten Ansprache im St.-Paulus-Dom.

© Bistum Münster/Michael Bönte

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn ich Sie alle heute hier im St.-Paulus-Dom zu Münster anschaue,
dann brennt auch mir das Herz.

Ein Herz, erfüllt mit Dank.

Dankbar bin ich Gott, dem Schöpfer unseres Lebens,
für unseren Weg, für unsere Berufung.

Das Vertrauen des Domkapitels von Münster und das Vertrauen der Frauen und Männer, die nach einem neuen Bischof gesucht haben, erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Dem Heiligen Vater, unserem Papst Leo, bin ich dankbar für sein Zutrauen.

Es bewegt mich, wie viele Beterinnen und Beter in den vergangenen Monaten für einen neuen Bischof gebetet und manche Kerze angezündet haben. Danke.

Und ich danke von Herzen:
dem Diözesanadministrator Dr. Antonius Hamers,
dem Ständigen Vertreter Dr. Klaus Winterkamp,
dem Dompropst Hans-Bernd Köppen
für die offenen Arme und den herzlichen Empfang.

Verehrter Bischof Genn, lieber Felix,
mit großer Sympathie und Dankbarkeit
sowie mit Respekt und Ehrfurcht schaue ich auf die Spuren, die du im Bistum hinterlassen hast.

Ich komme mit großem Respekt.
Respekt vor den Menschen.
Respekt vor der Aufgabe.
Respekt vor dem, was hier gewachsen ist.

Und ich komme mit Vertrauen.

Es fügt sich gut, 
dass ich meinen ersten Schritt ausgerechnet heute tue –
am 26. März,
dem Gedenktag des heiligen Liudger, dem Gründer und dem ersten Bischof von Münster.

Mit ihm bin ich seit meiner Kindheit verbunden.
Ich bin in einer Ludgeruspfarrei aufgewachsen,
in Schapen im Emsland, an der Grenze zu Westfalen.
Meine erste „Ausbildungsstätte“ lag bereits im Bistum Münster:
als Kind besuchte ich den katholischen Kindergarten Sankt Georg in Hopsten.
Und in Hopsten war ich auch im Akkordeonorchester, aber ganz ehrlich:
Noten kann ich zwar noch lesen, aber die Bässe kriege ich nicht mehr hin.

Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ

Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ

Glaube und Vernunft sind keine Gegensätze

Wenn ich an den heiligen Liudger denke,
sehe ich keinen lauten Mann.
Ich sehe einen ruhigen, bedächtigen Brückenbauer.

Einen, der zwischen Franken und Sachsen vermittelt hat.
Einen, der auf Menschen gesetzt hat, die bleiben.

Für mich steht er für drei Perspektiven:

Erstens: Geduld, Zeit und Beständigkeit.
Nicht alles muss sofort gelingen.
Nicht alles muss schnell gehen.
Glaube wächst langsam – aber tief.

Zweitens steht er für Beziehung, Nähe und Kommunikation.
Menschen werden nicht überzeugt – sie werden gewonnen.
Durch Nähe. Durch Vertrauen. Durch echtes Interesse.

Und schließlich drittens:
Bildung und Ausbildung. Es geht um 
einen Sinn für die Größe des Menschen,
die Schönheit dieser Welt
und die Herrlichkeit Gottes.

Selbst erfahren durfte ich das Mitte der 1990er Jahre bereits im Bistum Münster.
Genauer gesagt im oldenburgischen Bistumsteil, in Vechta.
Als Lehrer und Schulseelsorger an der Liebfrauenschule, einem Mädchengymnasium mit rund 1.000 Schülerinnen. Das prägt, ebenso wie meine ehrenamtliche Tätigkeit damals im Frauengefängnis in Vechta.

Gott wirkt, das habe ich auch dort erlebt, oft im Unspektakulären.
Leise. Verborgen. Und gerade darin kraftvoll.

Und vielleicht braucht es gerade dafür ein feines Gespür – 
ein Gespür dafür, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze sind.
Dass die Hinwendung zu Gott und die Anstrengung des Geistes um das bessere Argument einander nicht ausschließen, sondern sich ergänzen.

Wenn der Heilige Liudger für Beständigkeit steht,
dann erinnert er mich an einen weiteren großen Bischof dieses Bistums:
Clemens August Kardinal von Galen, 
den „Löwen von Münster“, ein „sturmfester“ Oldenburger.

Vor wenigen Tagen haben wir seines 80. Todestages gedacht.

Auch er war ein Mensch der Standhaftigkeit.
In dunkler Zeit blieb er fest verankert.
Nicht in sich selbst.
Sondern im göttlichen Grund seiner Seele.

Beständigkeit ist keine Starrheit.
Beständigkeit ist verwurzeltes Vertrauen.

Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ

Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ

Schwester Euthymia steht für eine radikale Menschenfreundlichkeit

Und dann ist da noch eine Gestalt,
die mich seit meiner Kindheit begleitet:

Schwester Maria Euthymia.
Der „Engel von Münster“.

Diese selige Ordensfrau hat in meiner Familie eine große Bedeutung.
Seit Jahrzehnten bin ich jedes Jahr wenigstens einmal an ihrem Grab auf dem Zentralfriedhof hier in Münster. Immer wieder zieht es mich zu Schwester Euthymia, um mein Leben zu bedenken und um ihr zu danken.

Gestern Abend, in der Dunkelheit,
war ich wieder dort.

Gemeinsam mit Dr. Klaus Winterkamp
und Dompropst Hans-Bernd Köppen
habe ich am Grab von Schwester Maria Euthymia eine Kerze entzündet.

Und ich habe ihr alle Menschen anvertraut, die auf dem Gebiet des Bistums Münster leben und alle Menschen, die auf dem Gebiet des Bistums Hildesheim leben.

Denn Schwester Maria Euthymia steht für etwas,
das wir heute mehr denn je brauchen:

Schwester Euthymia steht für eine radikale Menschenfreundlichkeit.

In einer Zeit, in der wir zunehmend in Kategorien von Freund und Feind denken,
in der Menschen ausgegrenzt und abgewertet werden,
in der Fremdenhass wächst –
setzt sie ein anderes Zeichen.

Ein klares. Ein leises. Ein starkes.

Die Liebe darf keine Grenzen kennen.
Heiligkeit beginnt dort, wo ein Mensch für den anderen gut ist.
Heiligkeit ist dort erfahrbar, wo wir einen Blick für die Wunden der Menschen haben – besonders für verwundete Herzen.

Schwester Maria Euthymia steht für eine Kirche, die nicht herrscht, sondern dient.
Für Vertrauen statt Kontrolle.
Für Wertschätzung statt Bewertung.

Ja, sie konnte sogar im Feind das Antlitz Gottes sehen.

Diese Frau inspiriert mich.
Sie hat mich geprägt.
Und sie wird mich weiter begleiten.

Schwester Maria Euthymia ist für mich das Gegenbild zu einer Kirche, in der Priester und andere Menschen der Kirche sexualisierte Gewalt verübt und ihre Macht missbraucht haben. Viele Verantwortungsträger haben viel zu lange weggeschaut. Das alles darf es nie wieder geben, und ich werde mich mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft dafür einsetzen, dass unsere Kirche ein sicherer Raum ist. 

Diözesanadministrator Dr. Antonius Hamers (links) und Dompropst Hans-Bernd Köppen hören Bischof Wilmer bei seiner ersten Rede zu.

© Bistum Münster/Achim Pohl

Freude und innere Schwere, Vertrauen auf Gott und die Menschen

Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ich heute hier im St.-Paulus-Dom als künftiger Bischof von Münster zu Ihnen spreche, freue ich mich sehr auf das, was kommen wird.

Und doch:
Heute ist für mich auch ein Tag mit einer gewissen inneren Schwere.

Hildesheim liegt mir am Herzen.
Die Menschen im östlichen Teil Niedersachsens sind mir nahe und vertraut geworden:
Die wunderbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bischofshaus und im Generalvikariat sowie die Menschen in den Pfarreien und Einrichtungen. Vergessen will ich ebenso wenig die guten Beziehungen zu den evangelischen und orthodoxen Christen, zu den Juden und Muslimen, zu den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. 
Sie werden sicher verstehen, dass es mir nicht leichtfällt, all die mir liebgewordenen Menschen zurückzulassen.

Jetzt gehe ich im Vertrauen auf Gott und die Menschen.

Diesen Weg gehe ich auch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
Vor vier Wochen bin ich in diese Aufgabe gewählt worden.
Und ich gehe auch diesen Weg gerne.
Dieser Dienst ist ebenfalls eine Herausforderung, keine Frage.

Alles in allem: Ich bin mir sicher, und ich bin davon überzeugt,
dass ich auch hier in Münster Menschen finden werde,
die mit mir gehen.
Die mich tragen, mit denen ich gemeinsam unterwegs bin. 
In der Haltung: Gemeinsam suchen wir die Menschen auf.
Gemeinsam gehen wir weiter.

Wie die Emmausjünger.
Schulter an Schulter.
Unterwegs.

Besonders an der Seite derer,
deren Herzen verwundet sind.

Hier nähern wir uns der größten Attraktivität der Botschaft Jesu:
Gott hat ein Herz für die Welt.

Vielleicht beginnt genau dort
das eigentliche Evangelium.

Dort, wo ein Mensch dem anderen gut wird.
Dort, wo Nähe entsteht.
Dort, wo Hoffnung neu aufkeimt.

In dem Sinne freue ich auf den gemeinsamen Weg und vor allem: 
Ich freue mich auf Sie! Auf Sie alle!

Und vielleicht – eines Tages –
werden wir zurückblicken
auf unseren gemeinsamen Weg.

Und wir werden uns fragen:

Mein Gott –
brannte nicht unser Herz?