"Mahnender Mühlstein" und Ausstellung "Der Fluch" machen auf sexuellen Missbrauch aufmerksam

Initiator: "Wir brauchen ein Ministerium für Opferschutz"

„Wir brauchen Ämter, vielleicht sogar ein Ministerium, für Opferschutz, Aufklärung und Prävention.“ Das hat jetzt Johannes Heibel betont. Er ist Vorsitzender der bundesweit und auch international agierenden Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Zwei ihrer Projekte werden ab Ende September in Münster zu sehen sein. Auf der Rückseite des St.-Paulus-Doms wird der „Mahnende Mühlstein“ aufgestellt werden. Er erinnert an die Opfer sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche. Und im Kreuzgang des Doms wird die Ausstellung „Der Fluch“ gezeigt. Die Plastik „Der Fluch“ steht für das Leid und die ausweglose Situation betroffener Kinder.

Im Gespräch erläutert der Ideengeber und Initiator beider Projekte, Johannes Heibel, die Zielsetzungen und Motivationen und betont die Notwendigkeit des Kampfes gegen sexuellen Missbrauch.

Herr Heibel, könnten Sie bitte kurz erklären, was der „Mahnende Mühlstein“ ist und welche Ziele Sie mit der Initiative verfolgen?

Der Mühlstein stammt aus der Region um Dresden. Er hat einen Durchmesser von 1,40 Metern. Im Auftrag der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen hat der Bildhauer und Steinmetz Bruno Johannes Harich folgendes Bibelzitat aus dem Matthäusevangelium in den Stein gemeißelt: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“ Hiermit wollen wir nicht nur ein Zeichen setzen und Erwachsene an ihre große Verantwortung gegenüber Heranwachsenden erinnern, sondern auch Diskussionen anstoßen. Die Würde und Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen darf niemals verletzt werden. Der tonnenschwere Mühlstein symbolisiert aber auch die große Last der Opfer. Die Initiative betont, dass es ihr nicht um die Wiedereinführung der Todesstrafe geht. Gewalt ist keine Lösung, auch nicht gegenüber Kinderschändern.

Die Plastik "Der Fluch"

Die Plastik "Der Fluch" steht für das Leid und die ausweglose Situation betroffener Kinder.

© Johannes Heibel

Neben dem „Mahnenden Mühlstein“ ist im Domkreuzgang auch die Plastik „Der Fluch“ zu sehen. Wofür steht diese Plastik?

Menschen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, werden allzu oft von der Gesellschaft ausgegrenzt und im Stich gelassen. Sie fühlen sich schuldig, schmutzig und mit einem Makel behaftet. Es ist wie ein schlimmer Fluch, der auf ihnen lastet und von dem sie sich nicht befreien können. Täter hingegen stehen häufig im Mittelpunkt des Interesses, leugnen ihre Taten und sind nicht bereit, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Die Reaktion unserer Gesellschaft wird besonders deutlich, wenn Kinder sexuelle Gewalt in der Familie oder beispielsweise durch Priester erfahren. Selten gelingt es den Opfern, Scham und Angst zu überwinden und sich jemandem anzuvertrauen. Selbst eine Verurteilung eines Täters verbessert kaum die Situation des Opfers. Die Plastik „Der Fluch“ steht für das Leid und die ausweglose Situation betroffener Kinder. Sie ist im Gießverfahren aus rostendem Grauguss/Eisen hergestellt. Der Rost steht symbolisch für Schmutz und das Blut der Kinder. Jeder, nicht nur ein Täter, der mit dem „Fluch“ in Berührung kommt, macht sich schmutzig – eine Anregung, sich intensiver mit der Problematik sexuellen Missbrauchs und den Folgen auseinanderzusetzen. Mit Unterstützung unserer Initiative soll Betroffenen die Möglichkeit gegeben werden, sich zumindest symbolisch von diesem Fluch zu befreien. Voraussetzung ist, dass der Täter sich bereit erklärt, den Fluch in Form dieser Plastik vom Opfer wegzunehmen und damit die volle Verantwortung für die Tat und die Folgen zu übernehmen.

Für viele Menschen ist sexueller Missbrauch auch insoweit ein Fluch, als sie das Geschehene ein Leben lang verfolgt. Müsste das Verbrechen sexuellen Missbrauchs von daher nicht auch viel stärker bestraft werden als das heute geschieht?

Eine Gesellschaft die Eigentumsdelikte höher bestraft als Gewaltdelikte an Kindern macht deutlich, dass ihr Kinder nicht so viel bedeuten wie der Schutz von materiellen Gütern. Sie leitet damit selbst ihren Untergang ein. Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt, sondern der materielle Besitz bestimmt das gesellschaftliche Wertesystem. Die Gesellschaft entmenschlicht sich damit selbst.

Warum engagieren Sie sich so sehr im Kampf gegen sexuellen Missbrauch?

Die Ohnmacht und die Ausweglosigkeit der Opfer sind mir leider sehr vertraut. Als Kind wurde ich selbst Opfer von körperlicher Gewalt. Die Prügelstrafe wurde als legales Erziehungsmittel im Elternhaus, in der Schule und in der Kirche praktiziert. Niemand half den Kindern. Sie mussten es hinnehmen, es akzeptieren. Aus diesem Grund gab es für meine Frau und mich keine große Überlegung, als wir im Sommer 1991 von einer zwölfjährigen Freundin unserer Tochter angesprochen wurden. Ein Hauptschullehrer hatte sich gegenüber Schülerinnen zudringlich, taktlos und ungehörig verhalten. Ich selbst war zu dieser Zeit stellvertretender Schulelternsprecher.

Sind das Bewusstsein und die Sensibilität in Gesellschaft und Kirche im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in den letzten Jahren gestiegen? Wenn ja, woran machen Sie das fest?

Die Sensibilität im Blick auf das Thema ist insbesondere seit 2010 spürbar gewachsen. Pater Klaus Mertes war es, der das Thema sehr offen und couragiert anging und eine Welle der Empörung auslöste. Jeder wusste plötzlich, dass es keine Einzelfälle sind, sondern eine nicht zu erfassende Zahl von Menschen, die betroffen sind. Leider hat dies bis heute nicht dazu geführt, dass es zu spürbaren, grundlegenden Verbesserungen im Kinder- und Jugendschutz gekommen ist. Opfer fühlen sich nach wie vor gesellschaftlich im Stich gelassen und auch von der Justiz unwürdig behandelt. Es gibt bis heute keine angemessene Hilfe staatlicherseits, kein Amt, keine Behörde die sich umfassend um die Belange der Opfer kümmert. Es wird den Bürgern überlassen, sich durch Gründung von Selbsthilfegruppen und Vereinen um die Opfer zu kümmern. Der Staat selbst bietet nur die Strafjustiz zur Überführung von Tätern und das Opferentschädigungsgesetz an.

Wie beurteilen Sie die Anstrengungen der Kirche seit 2010, sexuellen Missbrauch zu bekämpfen und die Opfer in den Mittelpunkt zu stellen? Was erwarten/wünschen Sie sich noch (mehr) von Kirche?

Die Bemühungen der Kirche sind nicht zu übersehen, allerdings würde ich mir wünschen, dass die Kir-che stärker ihr eigenes System, ihre eigenen Strukturen und den Klerikalismus hinterfragt.

Und was erwarten Sie von der Gesellschaft insgesamt?

Ich habe eine Vision. Diese sieht folgendermaßen aus. Wir brauchen Ämter, vielleicht sogar ein Ministerium, für Opferschutz, Aufklärung und Prävention. Ämter, die auf Stadt-, Kreis- und Landesebene eingerichtet werden sollten, müssen über sogenannte Fachberaterteams verfügen. Diese setzen sich zusammen aus Psychologen, Juristen, Sozialarbeitern und Kriminalisten, also erfahrenen Ermittlern. Diese Fachberaterteams sind für Betroffene und deren Vertrauenspersonen da und sollten möglichst jedem Anfangsverdacht, und ist er noch so klein, nachgehen. Dies dient auch dazu, dass die Strafjustiz merklich entlastet wird und wenn sie dann gefragt ist, sie sich auf die professionelle Vorarbeit der staatlichen Fachberaterteams verlassen kann. Kinder aufklären, sie stark machen reicht nicht aus. Wir müssen sie auch vor Erwachsenen schützen, die es nicht gut mit ihnen meinen und insbesondere vor denen, die Kindern bereits Leid angetan haben. Das Controlling von Misshandlern muss neu überdacht und ausgebaut werden.