© Nikolai Wolff (Fotoetage Bremen)

27. Januar 2026: Historikerin Dagmar Herzog warnt vor Wiederkehr eugenischer Denkweisen

, Stadtdekanat Münster

„Die Gefahr ist nicht vorbei: Alte eugenische Vorstellungen wirken bis heute nach – und werden bewusst politisch reaktiviert“, sagt die Historikerin Prof. Dr. Dagmar Herzog über die Wissenschaft der Eugenik, also der „Rassenhygiene“, eine Bewegung aus der Zeit des Nationalsozialismus mit dem angeblichen Ziel der Verbesserung des biologischen Erbgutes des Menschen. Am 27. Januar 2026, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, veröffentlicht die katholische Akademie Franz Hitze Haus ein schriftliches Interview mit Herzog, das an ihren Vortrag „Eugenische Phantasmen“ im November 2025 anknüpft.
 

© Nikolai Wolff (Fotoetage Bremen)

Obwohl Eugenik international verbreitet war, entwickelte sie in Deutschland besondere Merkmale: Die Niederlage im Ersten Weltkrieg verstärkte die Angst vor „Unvollkommenheit“, es gab eine übertriebene Überhöhung des Problems als Frage des nationalen Überlebens, Zwangssterilisierungen wurden theologisch legitimiert. Der gesellschaftliche Konsens hielt weit über 1945 hinaus.

Die Anerkennung als Opfer der NS-„Euthanasie“ blieb lange aus: Ex-Nazis galten als Experten und behindertenfeindliche Einstellungen blieben gesellschaftlicher Konsens. Erst ab den 1970er Jahren setzten engagierte Fachkräfte, Eltern und die Behindertenbewegung ein Umdenken durch, das die Grundlage für Inklusion und die UN-Behindertenrechtskonvention schuf.

Herzog warnt vor aktuellen Parallelen. Auch heute werden Menschen mit Beeinträchtigungen, Alte, Arme oder Menschen mit Migrationsgeschichte gegeneinander ausgespielt. „Die Idee, soziale Rechte für alle Menschen seien ein Luxus, den man sich nicht mehr leisten könne, knüpft direkt an alte eugenische Argumente an“, betont Herzog. Widerstand gegen Inklusion zeige sich in Angst, Narzissmus und bewusster Verhinderung solidarischer Lernprozesse.
Moderne Technologien wie Genetik und KI könnten sozialdarwinistische Denkweisen, also eine menschenverachtende Perspektive auf Randgruppen der Gesellschaft und sozial Schwächere, verstärken – etwa durch Fixierung auf „Smartness“ und die erneute Konstruktion vermeintlich natürlicher Hierarchien.

Für die Medizin betont die Wissenschaftlerin die ethische Verantwortung. Die NS-Eugenik und die „Euthanasie“-Morde müssen verpflichtender Teil der medizinischen Ausbildung sein. Nur so lassen sich unreflektierte Debatten über Kosten und „gesellschaftliche Nützlichkeit“ verhindern.

Eine besondere Rolle in autoritären Bewegungen spielt laut Herzog die Sexualpolitik. Sie werde gezielt für Macht, Provokation und emotionale Mobilisierung eingesetzt, Reproduktion nationalistisch aufgeladen, Tabubrüche bewusst inszeniert – um tiefsitzende Wünsche und Ängste zu adressieren.

Abschließend plädiert Herzog für einen Perspektivwechsel: „Solidarität, Anerkennung von Verwundbarkeit und ein inklusives Zusammenleben sind zentral, um historische Fehler nicht zu wiederholen und demokratische Grundwerte zu schützen.“

Dagmar Herzog ist Distinguished Professor of History am Graduate Center der City University of New York. Sie forscht u. a. zur Holocaustgeschichte, Sexual- und Geschlechtergeschichte der Moderne und Geschichte der Psychoanalyse. Zu ihren Publikationen zählen unter anderem „Eugenische Phantasmen. Eine deutsche Geschichte. Berlin: Suhrkamp 2024“ und „Der neue faschistische Körper. Berlin: Wirklichkeit Books 2025“. 

Ann-Christin Ladermann

 

Hier geht es zum vollständigen Interview, das Sebastian Schiffmann, Leiter des Fachbereichs Erziehung, Bildung & Schule in der Akademie Franz Hitze Haus, mit Prof. Dr. Dagmar Herzog geführt hat.