Jugendpastoral beschäftigt sich mit dem Thema „Christfluencing“

, Bistum Münster, Kreisdekanat Recklinghausen

Eine zufällige Begegnung in zwei Gottesdiensten an einem einzigen Sonntag im Herbst 2024 führte dazu, dass Jan Aleff, Kaplan in St. Antonius in Recklinghausen, in eine bisher kaum wahrgenommene religiöse Suchbewegung junger Menschen hineingezogen wurde. Was zunächst wie ein pastoraler Zufall wirkte, entwickelte sich zu einer verbindlichen Gruppe von Jugendlichen, die sich intensiv mit Glaubensfragen auseinandersetzen – und zugleich mit spirituellen Einflüssen aus dem Internet ringen.

„Ich war irritiert, warum ein junger Mann zweimal am selben Tag in unterschiedlichen Gottesdiensten auftaucht“, erinnert sich Aleff. Er sprach ihn an und nach einem kurzen Gespräch verabschiedete er sich mit dem Satz, der Jugendliche könne sich melden, wenn er Fragen zum Evangelium hätte. Nur zwei Tage später erreichte ihn eine Instagram Nachricht. Drei Sechzehnjährige baten um ein Treffen, um „eine Gruppe zu initiieren, in der wir uns Fragen zum Glauben stellen können“. Die Jugendlichen gründeten die WhatsApp Gruppe „Bibeltreff“ und den Instagram Kanal „Christ Circle Recklinghausen“. 

 

Mehr als 60 Teilnehmende informierten sich beim Fachtag des Sachgebiets Jugendpastoral in Haltern über das aktuelle und ambivalente Thema „Christfluencing. Extrem geglaubt“.

© KI-generiertes Symbolfoto

Seitdem trifft sich Aleff fast jeden Sonntagabend mit ihnen im Areopag. Zwischen fünf und zehn Jugendliche sind regelmäßig und mit großer Verlässlichkeit dabei.  „Sie kommen mit wenig Wissen, aber mit ganz viel Interesse und suchen nach Ankerpunkten“, sagt Aleff.

Gleichzeitig beobachtet der 44-Jährige eine ambivalente Entwicklung: Viele der Jugendlichen stoßen über Instagram und TikTok auf sogenannte Christfluencer, die biblischen Inhalte präsentieren. Die bereiten sie oft ansprechend auf, seien aber theologisch und politisch nicht unproblematisch. „80 Prozent von dem, was sie sagen, würde ich genauso sagen. Aber die anderen 20 Prozent sind gefährlich – toxisch sogar“, betont er.

Jan Aleff

© Bistum Münster

Besonders alarmiert ihn, dass manche Influencer eindeutig politische oder gesellschaftliche Schwarz Weiß Botschaften verbreiten. „Sie nehmen meine Heilige Schrift als Grundlage für ihr Geschäftsmodell. Das macht mich wütend“, sagt Aleff sehr deutlich. Die Gefahr bestehe darin, dass solche Accounts mit teils hunderttausenden Followern jungen Menschen einfache Antworten auf komplexe Fragen versprechen. „Wer heute die Komplexität kleinredet, dem wird zugehört.“

Für die Jugendlichen, die Aleff begleiten darf, sind diese digitalen Stimmen prägend – oft stärker als kirchliche Angebote. Viele seien nicht getauft, hätten keinen Bezug zu Pfarrgemeinden, suchten aber dennoch nach Halt. Aleff sieht ihre Lebenswirklichkeit klar: Krieg in Europa, wieder eingeführte Wehrpflicht, Klimakrise, unsichere Zukunftsaussichten. 

Diese Suchbewegung erlebt er längst nicht mehr allein. Auch Kolleginnen und Kollegen aus der Pastoral berichten von unerwartet vielen jungen Menschen in Gottesdiensten. Aleff ist überzeugt, dass Kirche darauf reagieren muss: „Wenn wir nicht auf sie zugehen, driften sie ab zu Gruppierungen am rechten Rand, zu extremen geistlichen Gemeinschaften oder zu Influencern, die religiöse Inhalte missbrauchen.“

Aline Knapp

© Bistum Münster

Mit den Erfahrungen von Jan Aleff startete der Fachtag des Sachgebiets Jugendpastoral des Bistums Münster im Gemeindezentrum St. Joseph in Haltern-Sythen. Mehr als 60 Teilnehmende hörten Vorträge und tauschten sich zum aktuellen und ambivalenten Thema „Christfluencing. Extrem geglaubt“ in verschiedenen Workshops aus.

Aus wissenschaftlicher Perspektive beschäftigen sich Aline Knapp und Johannes Fröh von der Evangelisch‑Theologischen Fakultät der Universität Bonn damit, wie Christfluencerinnen und -fluencer die digitale Glaubenswelt prägen. Sie zeigen auf, dass deren Einfluss weniger von theologischer Ausbildung abhängt als von persönlicher Glaubenshaltung, klaren Botschaften und einer authentischen Ansprache. „Christfluencing funktioniert besonders dann, wenn Follower den Eindruck haben, dass jemand ehrlich über seinen Glauben spricht und zeigt, wie dieser im eigenen Alltag wirkt. Die Nähe, die über soziale Medien entstehen kann, verstärkt dieses Vertrauen zusätzlich“, betont Knapp.

Johannes Fröh

© Bistum Münster

Viele User nutzen die Inhalte als spirituelle Begleitung im Alltag: Sie finden Anregungen für ihren Glauben, Orientierung und Impulse, die ihnen im kirchlichen Umfeld oft fehlen. So werden Christfluencerinnen und -fluencer – oft bewusst so von diesen gewollt – zu Stimmen, die Glauben alltagsnah erklären und deuten.

Gleichzeitig verweisen Knapp und Fröh auf die Schattenseiten. „Da soziale Medien vor allem emotionale und zugespitzte Inhalte belohnen, besteht die Gefahr, dass komplexe Themen vereinfacht werden oder persönliche Meinungen als allgemeine Wahrheiten erscheinen“, zeigt Fröh auf. Die Grenze zwischen privatem Glaubenszeugnis und geistlicher Leitung verschwimmt.

Die Forschenden raten, die Stärken der Entwicklung für die Arbeit wahrzunehmen und zu nutzen: Christfluencing funktioniert, weil bei Jugendlichen neues Interesse an Glaubensthemen besteht. Die Aktiven in der Pastoral können konstruktiv und korrigierend an das Christfluencing anknüpfen, indem sie christliche Themen offen ansprechen, eigene Erfahrungen einbringen und Positionen anbieten, ohne sie absolut zu setzen. Um selbst digital mitzugestalten, empfehlen Knapp und Fröh, nicht viele kleine Kanäle zu betreiben, sondern wenige, aber gut gepflegte Profile. Außerdem könne die Kirche Orientierung geben, indem sie verlässliche christliche Accounts empfiehlt. So bleibe sie Teil des digitalen Glaubensgesprächs und überlasse das Feld nicht allein den Influencern.

Michaela Kiepe