Anerkennung für ein anderes, glückliches Leben

, Stadtdekanat Münster

Sie führe „ein anderes, aber ein glückliches Leben“, sagt Heidi Rillmann gern. Dabei sind Leben und vor allem Lebensleistung der Hiltruperin so besonders, dass sie eine besondere Ehrung erhält: Am 28. Januar wird Rillmann von Münsters Oberbürgermeister Tilmann Fuchs den Verdienstorden am Bande der Bundesrepublik Deutschland entgegennehmen. Damit wird die 33-jährige Rund-um-die-Uhr-Betreuung und Pflege ihres Sohnes Jannis gewürdigt.

Seit Jahrzehnten kümmert sich Heidi Rillmann nahezu rund um die Uhr um alle Bedürfnisse. Hier überprüft sie seine Blutwerte.

© privat

Der 35-Jährige erkrankte als Zweijähriger an einem Hirntumor. Operationen, Chemotherapien, weitere Tumore folgten. Seitdem ist Jannis körperlich und geistig behindert und hat Epilepsie. Außer unter der Woche vormittags, wenn er in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und Heidi Rillmann im Bereich Medienproduktion des Bistums Münster arbeitet, sind Mutter und Sohn immer zusammen. 

Heidi Rillmann hat Jannis allein großgezogen. „Unser Alltag ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar“, sagt sie, „wegen seiner Gangunsicherheit und der unvorhersehbaren epileptischen Krämpfe kann ich ihn keinen Schritt allein gehen lassen. Es besteht permanente Sturzgefahr, zumal er Blutverdünner nimmt.“ Hinzu kommen große Sorgen um Jannis‘ allgemeinen Gesundheitszustand – zuletzt waren mehrere Klinikaufenthalte nötig.

Und doch betont Heidi Rillmann: „Wir genießen unser Leben.“ Mit viel Einsatz sorgt sie dafür, dass das auch auf Jannis zutrifft. Urlaubsreisen nach Cuxhaven oder auf einem Kreuzfahrtschiff, Restaurantbesuche, Ausflüge ins Umland, Anfeuern des Lieblingsvereins FC Schalke 04: Dank seiner Mutter erlebt Jannis all das und einiges mehr. 

Genug Gründe also für eine Anerkennung durch die Gesellschaft. Von dieser erfuhr Heidi Rillmann im November durch einen Brief des Oberbürgermeisters. Darin stand, dass ihr der Bundespräsident auf Vorschlag des Ministerpräsidenten den Verdienstorden zuerkennt. Diese Nachricht habe sie „überwältigt und sprachlos“ gemacht, sagt die 58-Jährige: „Wer mich kennt weiß, dass ich ungern im Mittelpunkt stehe. Aber ich bin sehr gerührt, dass meine Pflegetätigkeit so anerkannt wird.“

Zu verdanken hat sie das, weiß Rillmann inzwischen, einer Kollegin. Diese schrieb einen ausführlichen Vorschlag an die nordrhein-westfälische Staatskanzlei und organisierte vier Referenzen verschiedener Personen. Das war im Frühsommer 2024 – mehr als anderthalb Jahre später steht die Ehrung an. Die Hauptperson blickt voller Vorfreude auf den Termin im Historischen Rathaus: „Ich bin schon sehr aufgeregt, für mich wird das ein sehr besonderer Tag. Begleiten werden uns die Menschen, die uns helfen und ,nah an uns dran‘ sind: meine Mutter, Freundinnen und Freunde, unsere Ärzte, unser Physiotherapeut und Apotheker sowie Kolleginnen und Kollegen.“ Ihnen allen sind die Rillmanns sehr dankbar: „Meine engste Familie und Freunde haben uns immer unterstützt, ohne die Flexibilität meines Arbeitgebers wäre die Vereinbarung von Pflege und Beruf nicht möglich. Und von den direkten Kolleginnen und Kollegen habe ich permanent Wertschätzung, Unterstützung und Verständnis erfahren. Alle wissen um meine Situation und kennen Jannis, sie sagen uns immer wieder mutmachende Worte und interessieren sich für die aktuelle Situation.“

Mit der Ehrung verbindet Rillmann eine Botschaft: „Ich werde da für alle stehen, die in einer ähnlichen Situation sind und den Alltag alleine bestreiten.“ Für sie und sich wünscht sich die künftige Ordensträgerin, „eine größere Lobby. Denn wer damit nicht zu tun hat, weiß nicht um die Energie, die auf Pflege verwendet wird, und um die Herausforderungen.“ Dazu zählt sie vor allem die Bürokratie, aber auch konkrete Alltagshürden wie fehlende barrierefreie WCs in Restaurants.

Auf ihrem persönlichen Wunschzettel steht eine Reha-Maßnahme über die Rentenversicherung, zu der Jannis mitkommen kann. „Leider ist das nicht möglich, da die Häuser keine pflegenden Angehörigen ab Pflegegrad III aufnehmen, und Kurzzeitpflege kommt für uns aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage“, bedauert Rillmann. 

Sie wäre aber nicht sie, wenn sie nicht dennoch zuversichtlich nach vorne blicken würde – auch dank Jannis und seiner Zufriedenheit: „Er geht alle Wege mit, seien sie noch so schwer. Er gibt sich voller Vertrauen in die Hände der Ärzte und schaut genau, wie ich dazu stehe. Wir sprechen darüber, und wenn ich positiv auf eine Situation blicke, tut er es auch.“ 

Anke Lucht