Bewegende Gedenkveranstaltung der bischöflichen Marienschule

, Stadtdekanat Münster

Es ist ungewöhnlich still an diesem Morgen in der Antoniuskirche in Münster. Rund 400 Schülerinnen der bischöflichen Marienschule sitzen dicht gedrängt in den Bänken, niemand flüstert, niemand schaut auf sein Handy. Als Dr. Hans Gummersbach kurz die Stimme bricht, ist nur das leise Rascheln von Jacken zu hören. Erinnerung ist in diesem Moment nicht abstrakt – sie ist spürbar. 
 

Schülerin Pia Botzenhardt mahnte: „Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, dass Geschichte nicht nur etwas ist, das in Büchern steht, sondern sich auch auf unsere Gegenwart auswirkt und dass es in unserer Verantwortung liegt, aus ihr zu lernen.“

© Bistum Münster

Anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus hatten Schülerinnen der Arbeitsgruppe „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu einer besonderen Gedenkveranstaltung eingeladen. Im Mittelpunkt stand die Geschichte des Ahleners Imo Moszkowicz, einem Holocaust-Überlebenden, erzählt von einem Mann, der ihn persönlich kannte.

Schülerin Pia Botzenhardt, Sprecherin des Gremiums, stellt eine Frage in den Raum, die viele aufhorchen ließ: „Wer von euch hat noch nie etwas vom Holocaust gehört?“ Dass diese Frage nicht theoretisch gemeint ist, zeigt sie mit Verweis auf eine aktuelle Studie, nach der zwölf Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland keine Kenntnisse über die Verbrechen des Holocausts haben. Für die Schülerin der Q1 war deshalb klar: „Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, dass Geschichte nicht nur etwas ist, das in Büchern steht, sondern sich auch auf unsere Gegenwart auswirkt und dass es in unserer Verantwortung liegt, aus ihr zu lernen.“
 

Erinnerungspate“ Dr. Hans Gummersbach erzählte rund 400 Schülerinnen der bischöflichen Marienschule in der Antoniuskirche von dem Holocaust-Überlebenden Imo Moszkowicz.

© Bistum Münster

Dr. Hans Gummersbach ist Erinnerungspate der Villa ten Hompel in Münster. Er und weitere Erinnerungspaten tragen die Lebensgeschichten von Überlebenden weiter. Nicht aus Büchern, sondern aus Begegnungen. Der Historiker erzählt von seiner eigenen Kindheit im Nachkriegsdeutschland, vom Schweigen der Erwachsenen, von Schulbüchern, in denen der Holocaust auf wenige Zeilen reduziert war. Erst Jahre später begann er, Fragen zu stellen – und fand Antworten in den Biografien jüdischer Familien aus Westfalen.

Eine dieser Geschichten ist die von Imo Moszkowicz. Der einzige von sieben Geschwistern, der Auschwitz überlebte. Der Zwangsarbeit, Todesmärsche und den Verlust seiner gesamten Familie ertrug und dennoch nicht verbitterte. Gummersbach erzählt von einem Mann, der sich seine Menschlichkeit nicht nehmen ließ. Als er vom 27. Januar 1945 berichtet, von der Befreiung Auschwitz-Birkenaus an einem sonnigen Wintertag, von Tausenden ausgemergelten Überlebenden und von Toten im Schnee, ist es still in der Kirche.

Im zweiten Teil seines Vortrags trägt Gummersbach die Rede von Martin Moszkowicz vor, dem Sohn von Imo Moszkowicz und international erfolgreicher Filmproduzent, die dieser am Vortag im Bayerischen Landtag gehalten hat. Eine Rede über den Verlust seiner Familie, das Fortwirken der Shoah bis in die Gegenwart und über Antisemitismus als gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Besonders eindringlich warnt er vor der Gleichgültigkeit: Antisemitismus beginne nicht mit Gewalt, sondern mit Gleichgültigkeit. Antisemitismus lebe nicht nur vom Hass der Wenigen, sondern vom Schweigen der Vielen. Erinnerung, hat Moszkowicz in seiner Rede betont, sei kein Ritual für die Vergangenheit, sondern eine Verpflichtung für die Zukunft. 
 

Rund 400 Schülerinnen der bischöflichen Marienschule füllten die Antoniuskirche bei der Gedenkveranstaltung.

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Zum Abschluss richtet sich Schulleiterin Marlies Baar an die Schülerinnen. „Nie wieder ist jetzt“, sagt sie, „aber es darf nicht bei einem Tag bleiben.“ Erinnerung müsse gelebt werden – im Schulalltag, im Eingreifen bei Schmierereien, im Widerspruch gegen Ausgrenzung. Sie erinnert an Worte der inzwischen verstorbenen Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer: „Am Ende ist es egal – seid Menschen.“

Ann-Christin Ladermann