Doch bevor sich der Wal im Xantener Dom häuslich einrichten konnte, tags zuvor hatten Mitarbeiter der Dombauhütte die Bänke aus dem Mittelschiff entfernt, war am Dienstagmorgen ein wahrer Kraftakt von Nöten. Schließlich galt es, die aus fünf Teilen bestehende Skulptur in den Dom zu transportieren: vier Schulklassen des am Projekt beteiligten Xantener Berufskollegs Placidahaus waren angetreten, um die Einzelteile aus dem auf dem Marktplatz stehenden LKW in das Gotteshaus zu tragen. Allein um die zwei 14 Meter langen und 250 Kilogramm schweren Hauptteile des Körpers in den Dom zu tragen, waren jeweils 25 Schülerinnen und Schüler nötig. Neben der Muskelkraft waren auch Fingerspitzengefühl und Teamwork gefragt, als es darum ging, die sperrigen Teile durch das Südportal in den Dom zu tragen. Der hinter der Tür befindliche Windfang stellte in Höhe und Breite eine Herausforderung dar. Da ging es teilweise um Zentimeter. Und dass bei dem Gewicht. Aber klare Ansagen von Shachar und seinen Helfern halfen, das Nadelöhr zu meistern.
Die Idee zu seinem Wal-Projekt ist Gil Shachar im Traum gekommen. „Ich habe von einem gestrandeten Wal geträumt. Und wie ich diesen abformte und daraus eine Skulptur machte“, berichtete der Künstler. Die lebensgroße Abformung des größten auf der Erde lebenden Säugetiers solle an die Verletzlichkeit der Schöpfung erinnern, so der Künstler weiter. „Man steht davor und man ist sprachlos.“ Die Skulptur sei dabei kein naturwissenschaftliches Objekt, sondern ein Kunstwerk, „das mit dem Kirchenraum in Verbindung tritt“. Daher sei der Dom zu Xanten genau der richtige Ort für die Skulptur.
Für den Schirmherrn der Kunstinstallation, den Xantener Weihbischof Rolf Lohmann, ist der Zeitpunkt der Ausstellung gut gewählt. Denn „mit diesem gestrandeten, toten Tier haben wir im Grunde genommen die ganze Botschaft von Tod und Auferstehung plastisch vor uns. Es ist nicht zufällig, dass die Kunstinstallation während der Fastenzeit im Xantener Dom stattfindet.“ Sie solle dazu anregen, die Frage von Schöpfungsverantwortung, von Klimagerechtigkeit in den Blick zu rücken.
Für die am Projekt beteiligten Schulen der Propsteigemeinde St. Viktor sei dies „ein eindrucksvolles Sinnbild für Vergänglichkeit, Natur und Menschlichkeit“. Damit würden „existenzielle Fragen unserer Zeit“ aufgeworfen, sagte Thorsten Funke, Leiter des Berufskollegs Placidahaus. Für Michael Lemkens, Schulleiter der Marienschule, stelle der Wal „ein starkes Symbol für Verletzlichkeit, Verantwortung und den Umgang des Menschen mit der Schöpfung“ dar und lade zur inhaltlichen Auseinandersetzung ein.
Funke hob hervor, dass rund um den Wal ein „buntes und vielfältiges Programm“ entwickelt worden sei: „Von einer Podiumsdiskussion, über einen literarischen und musikalischen Abend bis zum Quiz am Wal ist alles dabei, sodass jede und jeder, der sich für den Wal und das Kunstwerk interessiert, gute Gründe hat, sich den Wal anzuschauen.“ Und das StiftsMuseum Xanten hat eine Ausstellung zum Künstler Gil Shachar gemeinsam mit ihm vorbereitet, die am 14. Februar eröffnet wird und weitere spannende Werke des Künstlers zeigt.
Am Ende des Wal-Einzugs freute sich Thorsten Funke über die gelungene Aktion. „Es hat alles super geklappt.“ Die Zeit bis zur Eröffnung nutzen Shachar und sein Team, die letzten Schrauben zur Stabilisierung des Kunstwerks anzuziehen und die Nähte zu kaschieren. Damit der Wal am 22. Februar auch eine gute Figur macht.
Info
Die Kunstinstallation wird von den Bildungsreinrichtungen in Trägerschaft der Propsteigemeinde St. Viktor (Kita-Verbund, Marienschule Xanten und Berufskolleg Placidahaus Xanten), dem Sachgebiet Jugendpastoral des Bistums Münster und der Propsteigemeinde St. Viktor veranstaltet und in Zusammenarbeit mit dem Künstler Gil Shachar und weiteren Kooperationspartnern (Bistum Münster, LEADER-Region Niederrhein, Landwirtschaftsministerium NRW, EU) getragen.
Text und Foto: Jürgen Flatken
