Diskussion über Umgang mit Missbrauchs-Tätern in Geldern - Neuer Fall öffentlich gemacht

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„Das Thema ,Sexueller Missbrauch‘ betrifft die ganze Kirche, es betrifft das Bistum Münster. Und es ist auch ein Thema in der Kirche hier vor Ort“ – so begrüßte Martin Naton die Frauen und Männer, die am 13. Oktober zu einem Gesprächsabend in den Saal von St. Bernardin in Geldern-Kapellen gekommen waren. Naton ist Pastoralreferent in der Pfarrei St. Maria Magdalena und moderierte den Abend, der unter dem Motto „Macht das Licht an“ stand. Ziel sei es, „das Thema nicht länger zu verstecken und zu kaschieren“, sondern es „besprechbar und sagbar“ zu machen.

Deutlich war vielen Frauen und Männern noch immer anzumerken, wie sehr sie die Nachricht verstört hat, dass es auch in ihrer Pfarrei zu Missbrauch durch den mittlerweile verstorbenen Geistlichen J. G. gekommen war, der von 1961 bis 1980 in Kapellen als Seelsorger tätig war. Der Interventionsbeauftrage des Bistums Münster, Peter Frings, erläuterte an diesem Beispiel seine Arbeit. Durch den Anruf des Betroffenen im Februar sei er auf den Fall in Kapellen aufmerksam gemacht worden, erläuterte er, „das war die erste Meldung zu diesem Priester“. Schon da sei es der Wunsch des Betroffenen gewesen, den Fall öffentlich zu machen.

Nachdem in der Tageszeitung ausführlich über den Fall berichtet wurde, meldeten sich tatsächlich noch weitere Betroffene, insgesamt sind dem Bistum zwei Männer und drei Frauen bekannt, erläuterte Frings. Er stehe, soweit diese es wünschen, weiterhin in Kontakt mit ihnen und habe sie zum Beispiel auch über den Gesprächsabend in Kapellen informiert. „Es haben sich“, erklärte er, „aber auch mehrere Personen gemeldet, die gesagt haben, dass die Vorwürfe nicht wahr sein können.“ Sicherlich gebe es viele Gemeindemitglieder, die nur positive Erfahrungen mit dem Pfarrer gemacht haben, betonte Frings – das wurde auch durch Rückmeldungen an dem Gesprächsabend deutlich. „Es geht nicht darum, diese positiven Erinnerungen nicht mehr zuzulassen. Aber es erfordert Kraft, zu akzeptieren und auszuhalten, dass es Menschen gibt, die diese Person anders erlebt haben.“

Der Abend solle, betonte Naton, kein Abschluss und keine Lösung sein, sondern der Beginn eines Gesprächsprozesses. In diesem werde es wahrscheinlich auch um die Frage gehen, wie die Gemeinde mit der Erinnerung an den Pfarrer – so etwa mit einem Gedenkstein – umgeht. Auch weiterhin gebe es für Menschen mit Gesprächsbedarf die Möglichkeit, sich zu melden, sagte Pastoralreferentin Monika Eyll-Naton, die neben Pfarrer Arndt Thielen und Frings auf dem Podium saß. Das Angebot gelte ausdrücklich auch für Menschen, die zwar etwas geahnt oder von dem Missbrauch gewusst hatten, ohne es damals zu melden oder den Betroffenen zu glauben.

Am Ende des Abends machte Frings erstmals öffentlich, dass es in der Pfarrei in Geldern noch einen weiteren Missbrauchs-Vorwurf gibt. „Im April hat sich beim Bistum ein Mann gemeldet, der berichtet hat, dass er in den 1960er-Jahren Messdiener in St.  Maria Magdalena war und vom damaligen Pfarrer H. P. missbraucht wurde.“ Dies sei der erste Vorwurf gegen den Pfarrer gewesen, der 1968 bis 1978 in Geldern tätig war und 2009 gestorben ist. Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie – in der dieser neue Fall nicht berücksichtigt war –, habe sich eine weitere Person mit ähnlichen Vorwürfen gemeldet, erläuterte Frings.

„Der erste Betroffene hat schon ganz am Anfang den ausdrücklichen Wunsch geäußert, den Fall zu veröffentlichen, da er davon ausgeht, dass es noch weitere Betroffene gibt“, sagte Frings. Bewusst habe man aber in enger Abstimmung mit dem Betroffenen zunächst die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie abgewartet und in der vergangenen Woche entschieden, nun an die Öffentlichkeit zu gehen. Dazu sollte der Gesprächsabend genutzt werden. Frings hatte kurz vor der Veranstaltung die Leitenden Pfarrer der anderen Pfarreien, in denen der Pfarrer tätig war, in Kenntnis gesetzt. Dort soll am Wochenende jeweils ein Hinweis auf diesen neuen Fall gegeben werden.

Info

Die Einsatzorte des Priesters H. P.
1950 Kaplan zu Marl-Drewer St. Josef
1953 Kaplan zu Rheinberg St. Peter
1959 Kaplan, später Pfarrer zu Dinslaken-Lohberg St. Marien
1968 ernannt zum Pfarrer in Geldern zu St. Maria Magdalena, zusätzlich zum Verwalter der Pfarrstelle in Hartefeld
1978 Ruhestand und Vicarius Cooperator in Kleve-Materborn zu St. Anna
Gestorben 2009

Kontakt

In Geldern stehen als Gesprächspartner Pastoralreferentin Monika Eyll-Naton unter Telefon 0160 94900412, Pastoralreferent Matthias Ueberfeld unter 0163 5593007 und Pastoralreferent Friedhelm Appel unter 0170 1821526 zur Verfügung.

Betroffene können sich zudem bei dem Interventionsbeauftragten des Bistums Münster, Peter Frings, unter Telefon 0251 4956031 oder Mail an oder seinen Stellvertreter Stephan Baumers, Telefon 0251 4956029, Mail wenden. Außerdem gibt es die Möglichkeit, anonym Hinweise zu geben, alle Hinweise werden an die Staatsanwaltschaft Münster weitergeleitet.

Weitere Informationen, auch zu Selbsthilfegruppen für Betroffene, gibt es auf dieser Themenseite.
 

Christian Breuer