
Dr. Ulrich Goldschmidt
© privatAutokratische Führungsmethoden erfahren gerade eine verstärkte Akzeptanz und werden in Zeiten der Verunsicherung oft als Mittel zur Bewältigung tatsächlicher oder nur behaupteter Krisen legitimiert. Das gilt für gesellschaftliche und politische Tendenzen, erstaunlicherweise aber auch schon wieder in Unternehmen und Organisationen. Eine Entwicklung, die mit Sorge zu betrachten ist.
Autokratische Führung zeichnet sich durch eine starke Konzentration von Entscheidungsbefugnissen auf eine einzelne Person oder eine kleine Elite aus. Rückmeldungen werden nur begrenzt zugelassen, Kontrolle spielt eine zentrale Rolle, und Loyalität wird höher bewertet als Mitbestimmung. Netzwerke werden durch starre Hierarchien ersetzt. Das ist die zombiehafte Wiederkehr gängiger Führungsstile des letzten Jahrhunderts, die aktuell insbesondere aus den USA in unsere hiesige Arbeitskultur hineinschwappen. Wer auf einen solchen Führungsstil mit seinen Kernelementen „Befehl, Gehorsam und Kontrolle“ setzt, schafft eine Misstrauenskultur und ignoriert die Ergebnisse der Managementforschung, wonach autokratische Führung zwar kurzfristig Effizienzgewinne erzeugen kann, langfristig jedoch Motivation, Innovationsfähigkeit und Bindung der Mitarbeitenden untergräbt. Kann jemand ernsthaft glauben, dass sich Potenziale der Mitarbeitenden in der bedrängenden Atmosphäre einer Misstrauenskultur wirklich entfalten können?
Es braucht also eine Führungsverantwortung, die eine vertrauensbasierte Unternehmenskultur aufbaut, in der Führung nicht gleichbedeutend ist mit Herrschen, sondern mit Dienen. Führung heißt dienen, ist Dienstleistung für die Mitarbeitenden zum Wohle des Unternehmens. Führungsverantwortung konkretisiert sich immer mehr in der Frage: „Was kann ich als Führungskraft für die Mitarbeitenden tun, damit diese – allein oder als Team – eine optimale Leistung abrufen können?“ Gute Führung schafft es, die Menschen wieder positiv in den Mittelpunkt zu stellen. Gute Führung sorgt für Fairness, Respekt, Wertschätzung, Vertrauen und Integrität, um ein motivierendes Arbeitsumfeld zu schaffen. Und ja, die für manche Führungskraft erschütternde Erkenntnis lautet: Es hilft dabei sehr, die Menschen zu mögen und ihnen sogar einen Vertrauensvorschuss zu geben.
Es ist also eine Frage des Umgangs miteinander. Ein gutes Hilfsmittel ist es, sich immer mal wieder die Kontrollfrage zu stellen: Verhalte ich mich so, dass ich in diesem Stil auch selbst behandelt werden möchte? Würde ich es als fair, respektvoll und wertschätzend empfinden, säße ich jetzt auf der anderen Seite des Tisches?
Dafür braucht es Empathie. Empathie gilt längst nicht mehr als „Schönwetterthema“, sondern als grundlegende Fähigkeit für Zusammenarbeit und erfolgreiche Führung. In einer Arbeitswelt, die von Digitalisierung, Agilität, Komplexität und ständigen Veränderungen geprägt ist, entscheidet sie darüber, wie gut Teams zusammenarbeiten, wie konstruktiv Konflikte gelöst werden und wie engagiert Mitarbeitende bleiben. Empathie bedeutet, die Perspektive anderer einzunehmen, ihre Gefühle wahrzunehmen, ihre Potenziale und Bedürfnisse zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren. Empathie ist daher kein „Nice-to-have“, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor.
Und genau deshalb ist die andere Seite des Tisches so wichtig.
