„Frieden ist ein Werk der Gerechtigkeit – und dafür müssen wir Räume öffnen.“ Mit dieser ermutigenden Botschaft hat der Essener Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck am 25. April die Telgter Wallfahrt 2026 eröffnet. Viele Gläubige waren dazu in die frisch renovierte St.-Clemens-Kirche gekommen, inmitten derer das geschmückte Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter stand. Vertreter der Bäcker-, Metzger- und Brauergilde hatten dies in alter Tradition zu Beginn aus der Kapelle in die Kirche getragen.
In seiner Predigt griff Bischof Overbeck das Leitwort der Wallfahrtssaison „Raum geben“ auf. Räume für Frieden zu eröffnen, bedeute immer auch, sich für Gerechtigkeit einzusetzen, betonte Overbeck. Angesichts weltweiter Konflikte werde deutlich, wie zerbrechlich Frieden sei und wie wichtig es bleibe, Gewalt nur als letztes Mittel zu verstehen. Christinnen und Christen seien aufgerufen, sich für ein friedliches Zusammenleben einzusetzen und sensibel für die Würde jedes Menschen zu bleiben.
Zugleich warnte der Essener Bischof, der auch Militärbischof für die Bundeswehr ist, vor einer wachsenden Polarisierung in Gesellschaft und Politik. Wenn Menschen ausgegrenzt oder entwürdigt würden, sei dies ein Angriff auf die Grundlagen des Zusammenlebens. „Es geht um die Würde des Menschen“, sagte der Bischof eindringlich. Das Motto „Raum geben“ bedeute daher nicht nur eine geistliche Haltung, sondern auch einen sozialen Auftrag: Raum zu schaffen für Barmherzigkeit, für die Opfer von Gewalt und Unrecht sowie für alle, die Schutz und Anerkennung suchten. Gerade im Blick auf Maria, die ihren Sohn unter dem Kreuz halte, werde deutlich, wie sehr Glaube und Barmherzigkeit zusammengehörten.
Nach der Messe, die musikalisch vom Propsteichor unter der Leitung von Gerrit Bethke gestaltet wurde, zogen die Gläubigen, Fahnenabordnungen katholischer Verbände sowie Mitglieder des Souveränen Malteserordens, des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, der Familiaren des Deutschen Ordens und Vertreter der Bäcker-, Metzger- und Brauergilde mit dem Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter in einer Lichterprozession durch die Altstadt.
Wallfahrtsrektor Propst Dr. Michael Langenfeld freut sich auf die kommende Saison. So werde die traditionelle Kutschenwallfahrt an Christi Himmelfahrt zwar ein letztes Mal stattfinden, die noch junge Fahrradwallfahrt erfreue sich dagegen wachsender Beliebtheit. „Sie findet zum dritten Mal statt und wächst jedes Jahr deutlich“, sagt Langenfeld.
Ein besonderes Jubiläum steht zudem bei der Wallfahrt von Altenrheine nach Telgte an: Bereits seit 350 Jahren machen sich die Gläubigen auf den Weg – und bringen aus diesem Anlass ein eigenes Fenster mit, das in die Propsteikirche eingebaut werden soll. Mit der neuen Reihe von Jubiläumsfenstern solle sichtbar werden, dass das Wallfahren nicht nur Tradition sei, sondern bis heute lebendig bleibe. Bereits im vergangenen Jahr hat die Pfarrei St. Martinus in Greven zu ihrem 370. Jubiläum ein solches Fenster gestiftet.
Auch baulich und organisatorisch stehen Veränderungen an. Erstmals findet die Wallfahrtssaison vollständig in der renovierten und umgestalteten Propsteikirche statt. „Da muss sich der Kirchenbau sozusagen bewähren – das wird spannend für uns vor Ort, aber sicherlich auch für die Pilger selbst“, sagt Propst Langenfeld, der zugleich überzeugt ist, dass sich die Gläubigen weiterhin heimisch fühlen werden.
Zugleich nehmen die Planungen für ein neues Pilgerzentrum konkrete Formen an: Die Genehmigungen durch das Bistum liegen vor, Baubeginn soll im Winter am Kardinal-von-Galen-Platz sein. Einer der Hintergründe ist, dass es kaum noch private Unterkünfte für Wallfahrer in Telgte gibt und viele Pensionen keine Gäste für nur eine Nacht aufnehmen. Das geplante Pilgerhaus solle deshalb Raum zum Ausruhen, für Gespräche und zur seelsorglichen Begleitung bieten. Zentraler Bestandteil werde ein als Pilgercafé gestalteter Eingangsbereich sein, in dem Pilger willkommen geheißen werden und sich stärken können.