Fachtagung zu religiöser Bildung und Erziehung in Kitas mit neuem Ansatz
Kleine Kinder fragen nach Geburt und Tod, nach dem Woher und Wohin des Lebens und damit nach Gott.
Wie Kindertagesstätten (Kitas) das aufgreifen sollen, haben 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 8. März bei der Fachtagung ,Religiöse Bildung und Erziehung im Elementarbereich‘ in der Akademie Franz Hitze Haus in Münster diskutiert.
Die Veranstalter – das Projekt ,Kita – Lebensort des Glaubens‘ des Bistums Münster und des Diözesancaritasverbands (DiCV), der Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) und das Franz Hitze Haus – hatten einen neuen Ansatz gewählt. Die Teilnehmerinnen hörten zunächst ein Einführungsreferat eines Pädagogen. Dieses ergänzten vier Fachleute um theologische Stellungnahmen, die am Nachmittag in Workshops vertieft wurden.
Das Einführungsreferat hielt Prof. Dr. Rainer Strätz vom Sozialpädagogischen Institut NRW der Fachhochschule Köln. Er stellte fest, dass sich die Sichtweise des kindlichen Lernens gewandelt habe. Es gelte heute als aktiver Prozess, den man nicht anstoßen, aber unterstützen müsse, und der eine Leistung des Lernenden sei. Lernen hänge von den individuellen Erfahrungen des Lernenden ab. Kinder lernten in Reaktion auf das, was sie vorfänden. Erziehende müssten herausfinden, was Kinder interessiert, indem sie auf deren Fragen achteten. "Begreifen Sie Lernen als Versuch, vorläufige Antworten zu finden, und lassen Sie diese Antworten aus Respekt vor der Denkleistung der Kinder stehen", riet Strätz.
Bildung sei mehr als Lernen, führte er aus. Sie ermögliche die Entfaltung dessen, was im Menschen liege, vermittle "Werte als Orientierung für die Fälle, in denen das Kind die Wahl haben". Bildung erhalte das Kind durch die Erfahrung von Selbstbestimmung, durch zentrale menschliche Erfahrungen etwa mit Körpersprache, durch Zulassen ihrer Themen und eigenen Erlebnisse, durch Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis und durch Beziehungen.
Auf Strätz‘ Ausführungen reagierten aus theologischer Sicht vier Fachleute. Prof. Dr. Angela Kaupp von der Universität Koblenz-Landau bejahte die Frage, ob Kinder Religion brauchen. Zu beantworten sei diese Frage nur, indem man Religion als einen Zugang zur Welt anerkenne, der durch keinen anderen ersetzt werden könne. "Religion stiftet Identifikation, ermöglicht Bewertung von Handeln, Umgang mit Leid, Zusammenhalt und Distanz zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen", erklärte Kaupp. Das alles dürfe die Kita Kindern nicht vorenthalten.
Dr. Judith Weber, Erzbischöfliches Seelsorgeamt Freiburg, stellte Grundsätze für religionssensible Bildung in der Kita vor. Deren Ausgangspunkt müsse das Kind sein, sie müsse als pädagogische Arbeit verstanden werden und religiöse Vielfalt thematisieren. Dabei solle die Kita als Ort religionssensibler Lebensraum und gelebter Religionssensibilität begriffen werden. Außerdem müssten sich die Fachkräfte fachkompetent in Religionssensibilität sein.
Was eine interreligiöse Kita ausmacht, dazu bezog Jun. Prof. Dr. Christoph Knoblauch von der Pädagogischen Hochschule Freiburg Stellung. "Kinder konstruieren individuelle religiöse Vorstellungen zu existenziellen Fragen und zu Wertvorstellungen", erklärte er. Religiöse Vielfalt motiviere Kinder, diese Vorstellungen weiterzuentwickeln. Sie lernten durch Unterschiede sowohl über die eigene als auch über andere Religionen. Kitas seien geeignete interreligiöse Lernorte, an denen sich interreligiöse Bildung mal intensiv, mal nebenbei abspiele.
Über den konkreten Glauben von Kindern und Erzieherinnen sprach Prof. em. Dr. Agnes Wuckelt von der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Paderborn. Sie betonte, dass man sich Wissen über den Glauben auch aneignen könne, ohne zu glauben. "In der Kita können Kinder neben Wissen über Glaubensinhalte auch Grundfertigkeiten erwerben, um selbst Glauben zu entwickeln", sagte Wuckelt. Lernen könnten sie etwa Vertrauen und dankbares Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten. "Glauben kann man lernen", bekräftigte Wuckelt.
Bildunterschrift: Sie warfen Fragen auf und boten Antwortmöglichkeiten, die in Workshops vertieft wurden (von links) Angela Kaupp, Rainer Strätz, Judith Weber, Christoph Knoblauch, Andreas Leinhäupl (Projektleiter ,Kita – Lebensort des Glaubens‘), Christina Fehrenbach (KTK), Kathrin Wiggering (DiCV), Agnes Wuckelt und Sebastian Mohr (Franz Hitze Haus).
Text: Bischöfliche Pressestelle / 09.03.16
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