Der Weg des Fastentuchs nach Marl reicht fast zehn Jahre zurück. Damals besuchte Heek gemeinsam mit Ehrenamtlichen der Caritas die Kunstkirche Pax Christi in Krefeld. Dort entdeckten sie das beeindruckende Werk Aschoffs. Wenige Jahre später begegnete Ulrich Müller, Pfarrer in St. Franziskus, dem Fastentuch erneut während eines Aufenthalts in der Abtei Marienstatt im Westerwald. Im Gespräch entstand die Idee einer einmaligen Leihgabe. So kam das Tuch 2019 nach St. Konrad und fand dort sofort große Resonanz. Auch die Künstlerin selbst zeigte sich tief berührt, denn erstmals verhüllte ihr Werk ein Kreuz, was dem Tuch eine neue liturgische Dimension verlieh.
Das Fastentuch Aschoffs ist kein klassisches Verhüllungstuch. Es verbindet Leid und Hoffnung, Passion und Auferstehung – passend zum Charakter eines Kolumbariums, das ein Ort des Abschieds, aber zugleich der christlichen Hoffnung ist.
Drei transparente Stoffbahnen in dunkler Aschefarbe, in erdigen Tönen und in hellem Weiß erzeugen eine gestaffelte Bildtiefe. Sie bilden den Leidensweg Jesu Christi in drei Ebenen ab: Tod am Kreuz, Grablegung und Auferstehung. Die Verwendung von Transparenz und Chiffon ermöglicht es, sowohl die einzelnen Stationen als auch deren Gesamtheit gleichzeitig wahrzunehmen. Die Gestaltung greift die Form der Mandorla auf, die in der christlichen Ikonographie als Zeichen einer verborgenen göttlichen Wirklichkeit steht.
„Das Tuch führt den Blick weg von der Oberfläche in die Tiefe und eröffnet Raum für individuelle Assoziationen“, erläutert Heek. Diese fallen sehr unterschiedlich aus: Manche meinen ein Samenkorn zu erkennen, andere Gesichtszüge. Die Reaktionen reichen von tröstend bis irritiert und machen das Werk zu einem intensiven spirituellen Impuls.
Bereits 2012 wurde Aschoffs Entwurf im Rahmen des renommierten Wettbewerbs „ars liturgica“ ausgezeichnet. Der Kunstverein im Bistum Essen e. V. in Kooperation mit dem Deutschen Liturgischen Institut Trier und der Ruhr-Universität Bochum hatte dazu eingeladen, Fastentücher für die heutige Zeit neu zu denken. Aus 51 Einsendungen ging Aschoff als eine der drei Preisträgerinnen hervor. Ihr Konzept überzeugte durch die Verbindung von Transparenz, Mehrschichtigkeit und einer theologisch wie künstlerisch dichten Symbolik.
„Kunst braucht einen Ort. Den haben wir hier gefunden“, sagt Heek und freut sich, dass das Werk nun an einem Platz verbleibt, an dem Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Emotionen aufeinandertreffen. Das Kolumbarium St. Konrad bildet für dieses außergewöhnliche Fastentuch einen passenden Rahmen – ein Raum, in dem seit 20 Jahren Trauer, Trost, Hoffnung und Auferstehung miteinander verwoben sind.

