In der Jugendkirche werden Namen von auf der Flucht gestorbenen Flüchtlingen vorgelesen

, Bistum Münster, Stadtdekanat Münster

Die Worte stehen kalt im Raum. „Rahaf, 7 Jahre, bewusstlos in einem Boot gefunden – Nguyen Van Hung, 33 Jahre, erfroren im LKW – Mohamed, ein Jahr, ertrunken…“ Wie ein Kontrast in der Kulisse der adventlich warm geschmückten Jugendkirche in Münster. Denn die Menschen, deren Namen hier genannt werden, haben ihr Leben verloren. Ertrunken, erstickt, getötet, verschwunden, tödlich erkrankt. Auf der Flucht, auf dem Weg nach Europa, im Mittelmeer, in Lastwagen, in Lagern – mehr als 66.000 sind in den vergangenen Jahrzehnten so gestorben. Nur etwa 2.500 sind namentlich bekannt. Bei der Lesung zum „Gedenken an die Toten auf den Fluchtwegen nach Europa“ werden ihre Schicksale vor Vergessenheit bewahrt. 

„Weil ein Name keine Zahl oder ein Fall ist, sondern eine Lebensgeschichte mit Beziehungen, Hoffnungen und Zielen“, sagt Stefanie Tegeler. Die Flüchtlingsbeauftrage für das Bistum Münster ist eine von sieben Lektorinnen, die in den gut drei Stunden alle bekannten Namen nennen. „Jeder dieser Menschen hätte einen eigenen Abend für seine Geschichte verdient.“ Es sind zu viele. 

Tegeler, die den Bereich Soziale Arbeit beim Caritasverband für die Diözese Münster leitet, sieht in dem Projekt keine Schuldzuweisung. „Wir lesen, weil Erinnerung ein Akt der Würde ist“, sagt sie. Und weil Wegsehen Folgen habe. „Wenn Menschen an den Rändern unserer politischen Debatten einfach verschwinden, verlieren wir unsere Menschlichkeit.“ Das Leiden dürfe nicht zu einer Randnotiz oder einer nackten Zahl werden. Sondern müsse als „konkreter Lebensweg wach gehalten werden, der endete, bevor er am Ziel ankommen konnte.“

Gleichwohl soll die Veranstaltung auch ein Protest sein. Leise, aber nicht stumm. „Gegen das fortgesetzte Sterben in Europas Grenzen“, heißt es in der Einladung. Veranstaltet vom Team der Jugendkirche ist es Teil des Begleitprogramms zum Projekt der „Glasarche“, das vom Bistum Münster, dem Diözesancaritasverband und der Akademie Franz Hitze Haus umgesetzt wird. Das Boot aus Glasscherben, das von einer überdimensionalen Hand gehalten wird, steht mitten in der Stadt und symbolisiert die Zerbrechlichkeit eines Menschenlebens. 

Wie viele andere der Programmpunkte ist die Namenslesung ein Statement der Menschlichkeit, sagt Tegeler. „Wir können diese Menschen nicht zurückbringen, aber wir können - und müssen - uns an sie erinnern.“ Jeder von ihnen habe eine „unbedingte Würde“. „Als Christinnen und Christen glauben wir daran – deshalb nennen wir heute laut ihre Namen.“

In der Jugendkirche sind es an diesem Abend etwa 2.500 Namen. Deutlich zu hören steht jeder einzelne für einen Moment im Raum. Das ist so ganz anders als der Weihnachtstrubel vor der Tür der Innenstadtkirche. Das bringt Gefühle der Traurigkeit, des Entsetzens, auch der Machtlosigkeit. Und doch ist jeder dieser Augenblicke wertvoll, weil für diesen Moment ein Mensch und sein Schicksal nicht einfach vergessen wird.

Michael Bönte