
Judith Welbers
© PrivatIch betrete ein Dreibettzimmer, begrüße die Patienten und merke schnell, dass es den Herren in Bett 1 und 2 so weit gut geht: Die Entlassung steht an, so dass die Stimmung voller Vorfreude ist.
Anders sieht es bei dem Patienten im hinteren Bett aus: Ich treffe auf einen Mann, dessen Blick eine Mischung aus Verzweiflung und Wut erkennen lässt. Ich frage ihn, ob ich mich zu ihm setzen darf, und nach kurzer Zeit beginnt er zu erzählen: Er sei Ingenieur, ständig auf Montage, sehr gefragt und deshalb sei es ihm möglich, sehr viel Geld zu verdienen.
Aber letzte Woche habe plötzlich sein Körper gestreikt. Es sei so schlimm gewesen, dass er, der nie zum Arzt ging, notfallmäßig ins Krankenhaus kam. Die Diagnose sei niederschmetternd: Nierenversagen, mit der Konsequenz dauerhafter Dialyse – alle zwei Tage.
In meinem Beruf als Krankenhaus-Seelsorgerin und Psychoonkologin begegnen mir oft Menschen in Ausnahmesituationen. Viele erleben schwere Krankheit als einschneidendes Ereignis, das sie völlig aus der Bahn wirft. Sie unterbricht Routinen, stellt Sicherheiten in Frage, konfrontiert mit Ängsten, Sorgen und Grenzen. Es ist nach meinem Verständnis von Seelsorge essenziell, all die physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Belastungen ernst zu nehmen, sie dem Gegenüber zuzugestehen, sie nicht zu leugnen, zu bagatellisieren oder gar zu bewerten.
Doch eine mich stets neu sehr bewegende Erfahrung ist es, wenn jemand im Laufe des Krankenhausaufenthaltes neben allem Bedrückenden einen positiven Denkprozess entwickelt. Dann geschieht es, dass der/die Patient/-in das eigene Wertesystem, Ziele und Prioritäten auf den Prüfstand stellt und eventuell die Schwerpunkte im Leben verlagert.
Die Reaktion des Ingenieurs war zunächst blanker Zorn: „Warum passiert mir das ausgerechnet jetzt, wo ich endlich den Lebensstandard erreicht habe, den ich mir immer vorgestellt habe?“
Allmählich gelang es dem Mann, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, Fragen zu stellen, für die vorher kein Raum war: nach Sinn und Wichtigkeit. Die Erkrankung gab den Anstoß, seine Einstellung zum Leben anfanghaft zu ändern. Er erkannte, wie wohltuend es war, dass seine Frau treu zu ihm hielt, obwohl ja auch ihre Lebenssituation völlig auf den Kopf gestellt war. Er begriff, dass er zwar im Wohlstand lebte, aber seine sozialen Kontakte völlig vernachlässigt hatte, dass er den Blick auf viele bereichernde, schöne Dinge im Leben ausgeblendet hatte und wenig achtsam mit sich selber umgegangen war.
Als Gesprächspartnerin darf ich in Begegnungen wie oben beschrieben etwas immer wieder Erstaunliches miterleben: Im Laufe der Krankheitsverarbeitung beginnt ein Umdenkungsprozess, der die Chance in sich birgt, das eigene Dasein neu zu betrachten. Die Chance, durch die Krankheit hindurch nach Werten zu suchen, die wirklich zählen, nach Menschen, die sich als echte Weggefährtinnen und -gefährten erweisen, nach Beziehungen, die tragen.
