Kardinal von Galen: Zeitzeugin aus Münster erinnert sich

, Stadtdekanat Münster

Irene Schmuck war noch ein Kind, als der Leichnam von Kardinal Clemens August Graf von Galen am 23. März 1946 aufgebahrt wurde. So wie die damals sechsjährige Irmin Schmuck erwiesen ihm Tausende die letzte Ehre in der Erpho-Kapelle der Mauritzkirche.
 

Irmin Schmuck mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter auf dem Marktplatz in Budweis

© Claudia Berghorn

Irmin Schmuck, geborene Weßendorf, kam am 16. Mai 1939 in Münster zur Welt. „Kurz darauf wurde mein Vater, der im Reichsarbeitsdienst tätig war, zu einer Einsatzabteilung in Böhmen und Mähren versetzt“, berichtet die 86-Jährige. Im Herbst 1940 holte er seine junge Familie, zu der seit Juni eine zweite Tochter gehörte, nach Budweis im heutigen Tschechien.

An unbeschwerte Zeiten als Kind erinnert sich Irmin Schmuck kaum, denn schon bald wurde der Krieg auch in Budweis spürbar. Aber wirklich schlimm wurde es für Familie Weßendorf erst nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen. „Irgendwann kam die Nachricht, Hitler ist tot“, erinnert sie sich. Frieden bedeutete das aber noch lange nicht – ganz im Gegenteil: „Große Angst machte sich unter den Deutschen breit. Es wurde klar: Wir müssen weg.“

Mit den letzten deutschen LKWs verließen die Weßendorfs Anfang Mai 1945 Budweis Richtung Westen. Ihre Flucht, die sie später zu Fuß, mit Leiterwagen und mit dem Zug fortsetzten, war geprägt von Angst, Hunger und traumatischen Erlebnissen. Nach Stationen auf Bauernhöfen und in verschiedenen Flüchtlingslagern erreichten sie schließlich Mitte Juli 1945 ihre Verwandtschaft im westfälischen Epe. Dort machte Irmin Schmuck die Erfahrung, dass die Flüchtlinge aus dem Osten in der Heimat nicht erwünscht waren: „Wir hatten ja nichts mehr und brachten die Krätze mit“, sagt die Seniorin.

Die schönste Zeit ihrer Kindheit verbrachte Irmin Schmuck kurz darauf als Sechsjährige bei der Familie einer Tante in ihrer Geburtsstadt Münster. „Ende 1945 suchten meine Eltern in Epe nach einer Wohnung und nach Möglichkeiten, ein neues Leben für uns aufzubauen“, berichtet sie. Als die Mutter aber nach der Geburt des vierten Kindes an Rheuma erkrankte, wurden die Kinder Anfang 1946 erst einmal bei Verwandten untergebracht. Irmin Schmuck wurde von einer ihr unbekannten Großtante mit nach Münster genommen. „Anders als Epe war die Stadt sehr zerstört, nicht aber das Haus nahe der Wolbecker Straße, in dem Tante Toni mit ihren vier erwachsenen Kindern wohnte.“ 
 

Irmin Schmuck in ihrem Atelier.

© Claudia Berghorn

An den März 1946 erinnert sich Irmin Schmuck gut. „Plötzlich hieß es überall, der Löwe von Münster kommt zurück.“ Dies wurde dem kleinen Mädchen nicht weiter erklärt. Als also die ganze Familie im Sonntagsstaat zur Warendorfer Straße pilgerte, um den „Löwen“ zu begrüßen, dachte die Sechsjährige darüber nach, wo denn dieses große und gefährliche Tier wohl untergebracht werden sollte. Und überhaupt: So viele Menschen hatten Hunger – warum wurde er nicht gegessen?

Ihre Überraschung hätte also nicht größer sein können, als plötzlich ein Konvoi mit einer großen Kutsche auftauchte, darin ein festlich gekleideter, großer Mann, der den Menschen zuwinkte. „Viele Zuschauer entlang der Straße schwenkten Fähnchen, und es war eine Stimmung voller Hoffnung und Freude“, erinnert sie sich. Sie selbst erlebte aber auch Momente großer Angst. „Seit der Flucht kann ich große Menschenmengen nicht gut ertragen“, sagt die 86-jährige. „Außerdem knieten alle nieder, als die Kutsche vorbeifuhr, und meine Tante zog mich mit herunter. Das kannte ich sonst nur aus gefährlichen Begegnungen mit bewaffneten Soldaten – dann ging man auf die Knie, hob die Hände und wusste nicht, ob man überlebte.“

Aus der festlichen Kleidung des Kardinals und seiner Begleiter konnte sie damals nur schließen, dass es wohl wichtige und reiche Menschen sein mussten, die hier unterwegs waren. Irmin Schmuck war nicht getauft und bis dahin nur wenigen Geistlichen begegnet; ihr Vater war 1939 aus der Kirche ausgetreten. „Auch deshalb blieben wir Außenseiter im katholischen Münsterland“, erzählt sie.
 

Irmin Schmuck bei ihrer Einschulung Ostern 1946

© Claudia Berghorn

Schon wenige Tage nach dem festlichen Einzug des Kardinals schlug die Stimmung in der Stadt spürbar um. „Plötzlich wirkten die Erwachsenen ratlos, geschockt und traurig“, sagt sie. „Irgendwann nahm meine Tante mich an der Hand, und wir gingen Richtung Mauritzkirche.“ Heute weiß sie: Es war der 24. März 1946. Wieder seien da viele Menschen gewesen und eine lange Warteschlange, in die sie sich eingereiht hätten. „Schließlich gingen wir an einer festlich geschmückten Holzkiste vorbei, in der ein Toter in schönen Kleidern lag, mit einer Mütze auf dem Kopf und einer Perlenkette in den Händen“, erzählt Irmin Schmuck. Sie kann sich nicht daran erinnern, gewusst zu haben, dass dies wieder der ‚Löwe von Münster’ war. Für sie sei etwas ganz Anderes auffällig gewesen. „Auf der Flucht hatte ich immer wieder Leichen gesehen, aber die wurden aus Güterzügen geworfen und blieben auf den Gleisen liegen, oder sie lagen am Straßenrand. Kardinal von Galen ist mir in Erinnerung geblieben als der erste festlich gekleidete Tote, den ich sah: Ein Toter, der mit Würde behandelt wurde. Das fand ich schön.“

Kurz nach der Bestattung Kardinal von Galens, vor Ostern 1946, wurde Irmin Schmuck von ihrem Vater zurück nach Epe geholt: Die Familie hatte eine Wohnung gefunden, und ihre Einschulung stand bevor. „Ich war traurig, Münster verlassen zu müssen“, sagt sie. Die historische Bedeutung ihrer Erlebnisse im März 1946 sei ihr erst viel später klar geworden, als sie Geschichte studierte und sich auch mit Kardinal von Galen beschäftigte.

„Die Flucht und meine Kindheit im Deutschland der Kriegs- und Nachkriegszeit haben mein Leben geprägt“, sagt Irmin Schmuck. „Disziplin, harte Arbeit und Verdrängung: Das sind die Strategien, mit denen meine Generation aufgewachsen ist.“ Strategien, die sie mit Mitte 50 in den Burn-Out geführt haben. Bei Klinik-Aufenthalten lernte sie kunsttherapeutische Angebote kennen. „Seither helfen mir die Arbeit mit Farben und das Schreiben dabei, meine Erlebnisse zu verarbeiten.“ Doch die Erinnerungen bleiben und sind seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine wieder quälender geworden.

Text: Claudia Berghorn
 

Irmin Schmuck schaut sich in einem Buch die Aufbahrung von Kardinal von Galen an, die sie 1946 miterlebt hat.

© Claudia Berghorn