Martin Deckers: Wenn Kinder den Weg zeigen

, Bistum Münster

Themen gibt es viele, Meinungen noch mehr. Nicht immer werden sie sachlich vorgebracht und ausgetauscht. Und viel zu oft bestimmen Empörung, Negativität, Ich-Bezogenheit und gegenseitige Attacken die Diskussionen. „Die Montagsmeinung“, das Meinungsformat des Bistums Münster, soll hier ein anderes Zeichen setzen. Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kirche, die sich dem Bistum verbunden fühlen, setzen sich darin mit Themen auseinander, die für sie und andere relevant und aktuell sind. Die Autorinnen und Autoren lassen es aber nicht bei Klagen und Kritik. Sie haben vielmehr konstruktive Ideen und Lösungsansätze. Diese teilen sie mit uns an dieser Stelle alle 14 Tage montags.

Die erste Montagsmeinung im neuen Jahr stammt von Martin Deckers. Er arbeitet in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Gemeindecaritas und Prävention beim Caritasverband Geldern-Kevelaer e.V. Im November 2024 wurde er von Bischof em. Dr. Felix Genn zum Ständigen Diakon mit Zivilberuf geweiht. Als solcher ist er in seiner Heimatpfarrei St. Anna Issum-Sevelen tätig. Außerdem engagiert er sich in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG) am Niederrhein und auf Diözesanebene.

Martin Deckers

© privat

Zum ersten Mal durfte ich jetzt in meiner Heimatgemeinde die Sternsingeraktion mit einem ehrenamtlichen Team vorbereiten und am ersten Januarwochenende auch durchführen. Früher hatte ich das in kleinerem Rahmen schon mal im Nachbarort für meinen Pfadfinderstamm gemacht – aber diesmal war es etwas Besonderes. Vielleicht, weil es mein Zuhause ist. Vielleicht auch, weil ich einige der Kinder und ihre Familien kenne – und mit eigenen Augen erleben durfte, wie viel in ihnen steckt.

Schon in der Vorbereitungszeit war das zu spüren. Als ich in den beiden Grundschulen vor Ort die Aktion vorstellte und von Klasse zu Klasse ging, war sofort Feuer in den Augen der Kinder. „Kinder helfen Kindern“ – das leuchtete ihnen unmittelbar ein. Sie verstehen, dass sie mit ihren Liedern und gesammelten Spenden dazu beitragen können, anderen Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen – etwa durch den Schulbesuch in Ländern wie Bangladesch, wo Bildung längst nicht selbstverständlich ist. Es war bewegend, wie schnell die Kinder Verantwortung übernehmen wollten: „Was brauchen wir alles dafür? Wann geht’s los? Kann ich mit meinen Freunden in eine Gruppe gehen?“, wurde ich von vielen Kindern gefragt.

Auch unser ehrenamtliches Vorbereitungsteam war voller Tatendrang. Einige von ihnen waren früher selbst als Sternsinger*innen unterwegs – und tragen diese Erinnerungen bis heute mit. Vielleicht, weil es Erfahrungen waren, dass sie gebraucht wurden. Dass sie etwas bewegen konnten.

Und es zeigt sich einmal mehr: So etwas gelingt nur in Gemeinschaft. Die Sternsingeraktion lebt davon, dass Menschen sich gemeinsam auf den Weg machen: in der Vorbereitung, beim Organisieren, Motivieren, Planen – und erst recht, wenn die Kinder losziehen. Nur wenn viele mithelfen, wenn jede und jeder seinen Teil beiträgt, kann dieses lebendige Zeichen der Solidarität gelingen. Und genau das war spürbar: Wir tun das gemeinsam – um die Welt ein Stück besser zu machen.

Dann kam der Tag der Aktion. Der Winter zeigte sich von seiner eher ungemütlichen Seite: eisiger Wind, Schneefall, Minustemperaturen, glatte Straßen und Wege. Und trotzdem: Rund 100 Kinder kamen – voller Vorfreude, festlich gekleidet, bereit, den Menschen den Segen zu bringen. Schon in den beiden Aussendungsgottesdiensten war das Leuchten in ihren Gesichtern zu sehen. Kein Jammern über das Wetter, keine Klage über kalte Füße. Stattdessen: Lächeln, Gesang, Ernsthaftigkeit. Und eine klare Botschaft: Wir gehen los. Für andere.

Was ich an diesem Tag gesehen habe und was die Sternsinger*innen mir bei ihrer Rückkehr ins Pfarrheim erzählt haben, hallt bis heute in mir nach. Denn diese Kinder zeigen uns, was möglich ist: Sie übernehmen Verantwortung. Sie lassen sich nicht abhalten. Sie wollen etwas verändern – für andere, nicht für sich selbst. Und sie verstehen: Es geht nicht nur ums Geldsammeln. Es geht um Gerechtigkeit. Um Frieden. Um Mitgefühl. Ums Miteinander.

Wir sollten Kindern viel mehr zutrauen. Wenn wir ihnen Themen kindgerecht erklären, wenn wir sie ernst nehmen und ihnen die Chance geben, mitzugestalten, dann wachsen sie über sich hinaus. Die Sternsingeraktion zeigt das jedes Jahr aufs Neue. Und sie erinnert uns Erwachsene daran, was wir vielleicht vergessen haben: wie viel Kraft in der Nächstenliebe steckt. Wie ansteckend sie sein kann.

Solidarität ist nicht veraltet. Sie findet statt – leise, oft übersehen, aber kraftvoll. In verschneiten Straßen, von Haustür zu Haustür. Und sie beginnt im Kleinen: mit einem offenen Ohr, einem freundlichen Wort, einer helfenden Hand. Das können wir von Kindern lernen – und mit ihnen gemeinsam leben.

Weitere “Montagsmeinungen” können Sie hier nachlesen.