"Kissinger is back - Realpolitik 3.0"

, Bistum Münster

„Wenn die Umsetzung knallharter Interessenspolitik mit einem kulturellen Überlegenheitsgefühl einher geht, dann befinden wir uns nicht mehr nur im „Balance of Power“-Verständnis des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger – dann ist auch der Kolonialismus alter Prägung nicht mehr weit.“ – Sehr eindringlich arbeiteten die beiden Gastgeber Dr. Jochen Reidegeld und Marcel Speker in der aktuellen Ausgabe des Podcasts „Friedensreiter“ die historischen Parallelen der aktuellen Entwicklungen in der internationalen Politik heraus.

Vor diesem Hintergrund wirkt das erneute Reden über Einflusssphären weniger überraschend. Die Wiederkehr dieses Denkens markiert, so die Diagnose der beiden Gastgeber, den Kern dessen, was sie „Realpolitik 3.0“ nennen. Die Welt wird erneut in relevante und nachrangige Räume eingeteilt. In manchen Regionen gilt das Völkerrecht als verbindlich, in anderen als verhandelbar. Stabilität zählt mehr als Gerechtigkeit, Ordnung mehr als Leben.

Henry Kissinger steht dabei als Chiffre. Seine Lehre von der „Balance of Power“ reduzierte internationale Politik auf das Management von Machtverhältnissen. Frieden war kein moralisches Ziel, sondern das Ergebnis eines stabilen Gleichgewichts. Dass dabei Opfer entstehen, galt als tragischer, aber akzeptierter Preis. Dieses Denken, lange als Relikt des Kalten Krieges betrachtet, erscheint heute wieder erstaunlich anschlussfähig.

„Doch warum wirkt dieses Denken gerade wieder so plausibel?”, fragen Speker und Reidegeld. „Was macht es mit unserem Verständnis von Frieden? Trägt diese neue Nüchternheit alte koloniale Logiken in sich? Und was kann eine friedensethische Perspektive entgegensetzen – ohne Naivität?” Außerdem diskutieren sie eine Hörerfrage, die es in sich hat: „Ohne Macht bleibt Moral wirkungslos, ohne Moral wird Macht instabil.“ Stimmt das?

Zur Friedensreiter-Folge “Kissinger is back - Realpolitik 3.0” bei YouTube

Info:
Die Welt ist aus den Fugen. Kriege, Konflikte und Spannungen sorgen für Unfrieden. Der Podcast Friedensreiter begibt sich auf die Suche nach Wegen für den Frieden. Er stellt sich in das Zeichen der Friedensreiter, die bei den Verhandlungen zur Beendigung des 30jährigen Krieges als Vermittler zwischen den Delegationen in Münster und Osnabrück pendelten. Der Podcast ist ein Gemeinschaftsprojekt von Ludwig Windthorst-Haus (LWH), der Katholisch-sozialen Akademie des Bistums Osnabrück in Lingen, und dem Institut für Theologie und Frieden (ithf) in Hamburg.

Text: Redaktion Friedensreiter