Neues Lehrformat zu "Spiritual Care"

, Stadtdekanat Münster

Was trägt Menschen in existenziellen Lebenssituationen? Wie können Ärztinnen, Hebammen oder Seelsorgende spirituelle Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten erkennen – und sensibel darauf reagieren? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Studierende und junge Ärztinnen und Ärzte am Universitätsklinikum Münster (UKM) in einem neuen Lehrprojekt zu Spiritual Care.
 

Konzipieren das neue Lehrformat zu „Spiritual Care“ mit: (von links) Prof. Dr. Rainhild Schäfers (Hebammenwissenschaft), Florian Bernhardt, Dr. Leo Wittenbecher, Wiebke Grunthal, Hannah Brünker, Dr. Andreas Bückmann, Dr. Sophie Wollnitza und Prof. Dr. Philipp Lenz.

© Bistum Münster

Unter dem Titel „Losgehen, Ankommen, Loslassen – Spiritual Care als bewegte Ressource für die Gesundheitsversorgung erlebbar machen“ haben sie ein mehrtägiges Outdoor-Lehrformat entwickelt. Die Initiative ging dabei von Studierenden und Assistenzärzten selbst aus – ein Engagement, das inzwischen auch institutionell gewürdigt wird: Die zentrale Qualitätsverbesserungskommission der Universität Münster fördert das Projekt.

Die Idee entstand aus der täglichen Arbeit im medizinischen Alltag. Immer wieder erlebten junge Mediziner sowie Studierende, wie wichtig spirituelle Fragen für Patienten sind – gleichzeitig fehlten strukturierte Ausbildungsangebote. „Wir haben gemerkt, dass Spiritualität für viele Menschen eine wichtige Ressource ist – aber in der Ausbildung oft nur am Rand vorkommt“, sagt Florian Bernhardt, Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Hämatoonkologie und Palliativmedizin am UKM, der das Projekt leitet. „Uns war wichtig, diese Dimension frühzeitig in die Ausbildung zu integrieren und Studierende sprachfähig zu machen für existenzielle Fragen.“ Medizinstudentin Wiebke Grunthal erklärt: „Über Spiritualität zu sprechen fällt vielen schwer. Dafür muss man sich zunächst selbst fragen: Was bedeutet das eigentlich für mich? Genau dafür wollen wir einen Raum schaffen.“

Interaktives Wochenende in Bewegung

Herzstück des Projekts ist ein mehrtägiges Modul außerhalb klassischer Seminarräume. Statt Frontalunterricht erwartet die Teilnehmenden ein interaktives Wochenende in Bewegung: Auf mehreren Wanderetappen werden wissenschaftliche Impulse, Selbsterfahrung und interprofessioneller Austausch miteinander verbunden. Die Tage sind strukturiert durch thematische Stationen, Gespräche und Reflexionsrunden. Achtsamkeits- und Körperübungen sollen zur Entschleunigung beitragen.

„Man braucht einen anderen Rahmen als einen Hörsaal, um sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen“, sagt Dr. Leo Wittenbecher, leitender Klinikpfarrer am UKM. „Wenn wir in Bewegung sind, kommt oft auch innerlich etwas in Bewegung. Das kann helfen, eigene Haltungen und Ressourcen bewusster wahrzunehmen.“

Im Mittelpunkt steht zunächst die persönliche Auseinandersetzung: „Welche Erfahrungen prägen mich? Welche Rolle spielt Spiritualität in meinem Alltag?“ Erst später wird der Bezug zur konkreten Patientenversorgung hergestellt.
Das Projekt bringt Studierende aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen: Humanmedizin, Hebammenwissenschaft sowie evangelische, islamische und katholische Theologie und den Masterstudiengang Spiritual Care. Diese Vielfalt ist ausdrücklich gewollt. „Die großen Lebensfragen betreffen uns alle – unabhängig von Religion oder Beruf“, betont Prof. Dr. Philipp Lenz, Ärztlicher Leiter der Palliativmedizin am UKM. „Gerade im Gesundheitswesen arbeiten wir multiprofessionell. Deshalb müssen wir auch gemeinsam lernen, spirituelle Bedürfnisse wahrzunehmen und sensibel darauf zu reagieren.“

Projekt wird wissenschaftlich begleitet

Das Lehrformat ist zunächst als Pilotprojekt angelegt, soll aber langfristig in die Lehre integriert werden – etwa als Wahl- oder Modulfach. Parallel wird das Projekt wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Unterstützt wird das Vorhaben von zahlreichen Partnern, darunter den Katholisch- und Evangelisch-Theologischen Fakultäten, dem Zentrum für Islamische Theologie, der Fachschaft Humanmedizin sowie dem Institut für Hebammenwissenschaft. Sie betonen in einer gemeinsamen Stellungnahme: „Spiritualität darf nicht in den Grenzen einzelner Religionen oder Professionen gedacht werden. Gerade in einer zunehmend säkularen Gesellschaft ist es wichtig, religiösen und nicht-religiösen Menschen gleichermaßen professionell zu begegnen.“

Für die Initiatoren steht fest: Spiritual Care gehört zur modernen Gesundheitsversorgung. Oder wie es Wiebke Grunthal formuliert: „Spiritualität begegnet uns im Alltag genauso wie in Krankheit oder Krisen. Wenn wir lernen, darüber zu sprechen, können wir Menschen ganzheitlicher begleiten.“

Ann-Christin Ladermann