Norbert Lammert hält Fastenpredigt im Dom

"Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht, ebenso wenig wie absolute Wahrheit. Man muss sie suchen, in der Gewissheit, sie nie zu finden. Aber: die Suche lohnt sich, und wir dürfen den Anspruch, sie zu finden, nicht aufgeben."

Das hat der Präsident des Deutschen Bundestages, Prof. Dr. Norbert Lammert, am Abend des 26. März im St.-Paulus-Dom in Münster betont. Prof. Lammert sprach im Rahmen der Geistlichen Themenabende in der Fastenzeit über das Thema "Europa: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit." Die Geistlichen Themenabende gehen in diesem Jahr, dem Jahr des 750-jährigen Jubiläums des St.-Paulus-Doms, der Frage nach, wie es zu einer gerechten Welt kommen kann. Das Domjubiläum wird vom 26.-28. September 2014 unter dem Motto "Willkommen im Paradies" gefeiert.

Der Bundestagspräsident unterstrich in seiner Fastenpredigt, dass die Frage nach Gerechtigkeit bis heute nicht gelöst sei. Ohne Gerechtigkeit seien auch die Staaten nur "Räuberbanden" zitierte er Augustinus. Mit Europa, so sagte Lammert weiter, würden viele Menschen heute vor allem die Begriffe "Frieden, Menschenrechte und Demokratie" verbinden. Gerade auch in Deutschland gebe es eine hohe Sensibilität für das Thema "Gerechtigkeit". Während 25 Jahre nach dem Fall der Mauer niemand in Deutschland die Freiheit noch für bedroht halte, gebe es bei der Frage nach der Gerechtigkeit zum Teil andere Antworten:" Dass es hier gerecht zugeht, erscheint vielen fraglich", sagte Lammert. Er betonte: "Auf Dauer gibt es Frieden nicht ohne Gerechtigkeit und Gerechtigkeit nicht ohne Frieden."

Lammert räumte ein und machte das an konkreten Beispielen in der europäischen Politik deutlich, dass es im Blick auf "Gerechtigkeit" einfacher sei, Fragen nach ihr zu stellen, als Antworten zu geben. "Wir wissen nicht wirklich, was Gerechtigkeit ist, wir wissen aber, dass es sie geben sollte." Oft werde heute Gerechtigkeit mit weiteren Zuschreibungen konkretisiert. So spreche man etwa von Bedarfsgerechtigkeit, von Leistungsgerechtigkeit, von Verteilungsgerechtigkeit, von Teilhabegerechtigkeit oder von Chancengerechtigkeit. Und besonders populär sei der Begriff der sozialen Gerechtigkeit. Der Bundestagspräsident sagte, dass aber in keiner dieser Konkretisierungen der Gerechtigkeitsbegriff voll aufgehe und dass diese auch wenig klar machten. So seien etwa natürlich in Deutschland auch alle Menschen für "Generationen-Gerechtigkeit". Wenn man aber weiter frage, wie diese erreicht werden könne, gebe es keinerlei Einigkeit mehr.

Lammert wies im Blick auf die Frage, ob Europa seine Grenzen für alle Menschen öffnen solle, darauf hin, dass hier neben der Frage, was gerecht sei auch die Frage gestellt werden müsse, was verantwortbar sei. Wenn Deutschland seine Grenzen völlig öffne, könne es etwa kein Sozialstaat mehr sein, sagte der Bundestagspräsident und bezog sich dabei auf jüngste Aussagen von Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz.

Musikalisch gestaltet wurde der Geistliche Themenabend von Domorganist Thomas Schmitz. Im Anschluss stand der Bundestagspräsident noch zu einem moderierten Gespräch im Franz-Hitze Haus zur Verfügung.

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- Wortanteil des Geistlichen Abends mit Norbert Lammert als Video

 

Am kommenden Mittwoch, 2. April 2014 spricht um 18.30 Uhr im Dom der frühere Bundesverfassungsrichter Prof. Dr. Paul Kirchhoff über das Thema "Was ist Gerechtigkeit?". Alle Geistlichen Themenabende werden live im Internet übertragen unter www.bistum-muenster.de.

Text: Bischöfliche Pressestelle
Kontakt: pressestelle[at]bistum-muenster.de