Plakat im Dom als vorläufige Erinnerung an Missbrauch

, Bistum Münster

Wie kann die Erinnerung und Mahnung an sexuellen Missbrauch durch Priester und Personen im kirchlichen Dienst sowie dessen Vertuschung durch frühere Verantwortliche in der Leitung des Bistums Münster durch ein sichtbares Zeichen am St.-Paulus-Dom lebendig gehalten werden? Mit dieser schwierigen Fragestellung befasst sich seit rund anderthalb Jahren eine Arbeitsgruppe, in der Betroffene sexuellen Missbrauchs, Mitglieder des Domkapitels, Mitarbeitende des Bistums und engagierte Laien sowie Fachleute für Kunst und Architektur zusammenarbeiten.

Ein erstes Ergebnis ihrer Beratungen wurde am 17. März im Dom präsentiert: Es handelt sich um ein großflächiges Plakat, das im Westchor des Domes, am Eingang zur Bischofsgruft, aufgestellt wurde. Darauf sind Gedanken zu lesen, die von Mitgliedern der Arbeitsgruppe bei der Beschäftigung mit diesem Thema geäußert wurden. Im Verlaufe der Treffen war deutlich geworden, dass sie alle auf die eine oder andere Weise in ihrem Leben mit sexuellem Missbrauch konfrontiert waren, entweder als direkte Betroffene oder im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis. Die Aussagen auf dem Plakat spiegeln diese Erfahrungen wider: „Ich habe gelernt, dass Sex etwas Böses und Schmutziges ist. Das hat lange mein Leben geprägt. Als ich vom Missbrauch hörte, hat mich diese Doppelmoral umso mehr entsetzt“, ist dort zu lesen oder auch: „Hätte ich sofort was gesagt, dann wären nicht auch weitere Kinder missbraucht worden. Ich mach mir selbst Vorwürfe.“

Die Arbeitsgruppe stellte gemeinsam mit Dompropst Köppen das Plakat am Eingang zur Bischofsgruft auf. Von links: Domkapitular Gerhard Theben, Domkapitular André Sühling, Christoph Achterkamp, Dompropst Hans-Bernd Köppen, Marianne Schmid, Bastian Weisweiler, Brigitte Lehmann, Ulrich Schulze Bertelsbeck und Anette Brachthäuser.

© Bischöfliche Pressestelle/Thomas Mollen

Mit der Veröffentlichung ihrer Gedanken will die Arbeitsgruppe ein erstes Zeichen setzen, dass die Zeit des Schweigens über sexuellen Missbrauch vorbei ist. „Ich rede darüber. Es hat stattgefunden. Die Scham muss die Seite wechseln“, heißt es deshalb in großen Lettern am Fuße des Plakats. 

Dieses markiere allerdings nur eine Etappe auf dem Weg zu einer dauerhaften künstlerischen Installation, sagt Dombaumeisterin Anette Brachthäuser: „Es ist ein erster Schritt, um deutlich zu machen, wie die Arbeitsgruppe mit dem Thema umgegangen ist.“ Die Aussagen sollen als Wegmarke für Kunstschaffende dienen, die sich der Thematik annehmen wollen. „Wir werden etwa ein halbes Dutzend Künstlerinnen und Künstler zu einem Wettbewerb einladen, wie sie hier im Dom den Zusammenhang von Macht und Missbrauch darstellen wollen“, erläutert Brachthäuser. 

„Uns ist wichtig, dass ein Ort der Kommunikation entsteht“, erklärt Architekt Christoph Achterkamp die Intention der Arbeitsgruppe. Das Kunstwerk solle nicht Wut erzeugen und nicht versöhnen, aber „die Menschen ins Gespräch bringen“. Und gleichzeitig, betont Ulrich Schulze Bertelsbeck als Betroffener, müsse das Objekt auch stören: „Eigentlich muss ein Riss durch den Dom gehen.“

Neben dem Plakat in der Nähe der Bischofsgruft wird in Kürze ein Reaktionsbuch ausgelegt, in dem Besucherinnen und Besucher ihren eigenen Gedanken Raum geben können.

Die Arbeitsgruppe setzt sich aus folgenden Personen zusammen: Christoph Achterkamp (Architekt), Anette Brachthäuser (Dombaumeisterin), Brigitte Lehmann (Vorsitzende des Diözesankomitees), Marianne Schmid (Missbrauchsbetroffene), Ulrich Schulze Bertelsbeck (Missbrauchsbetroffener), André Sühling (Domkapitular), Gerhard Theben (Domkapitular) und Bastian Weisweiler (Kunsthistoriker)

Thomas Mollen