Tochter des ersten Seelsorgers für Ukrainer im Bistum Münster erinnert sich

, Bistum Münster

Vor vier Jahren begann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland ist er eine Wunde, die alte Erinnerungen weckt. Im Bistum Münster begann die ukrainische Seelsorge schon vor mehr als 70 Jahren – mit einem Mann, der nicht nur Priester war, sondern auch Sozialarbeiter – und Vater: Dionisij Kopčanskyj. 
 

Dionisij Kopčanskyj war der erste Seelsorger für Ukrainerinnen und Ukrainer im Bistum Münster.

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Wenn Dionisij Kopčanskyj ein Amt betrat, wusste man dort oft schon, was kommen würde. Es ging um Rentenansprüche ehemaliger Zwangsarbeiter, um ärztliche Versorgung, um Sozialhilfe. Nicht selten wurde er abgewiesen. „Wenn er durch eine Tür hinausgeschickt wurde, kam er durch eine andere wieder hinein“, erinnert sich seine Tochter Svitlana Matthiessen, heute 81 Jahre alt und wohnhaft im Tibusstift in Münster: „Er wollte den Menschen ihre Würde zurückgeben.“ 

1913 geboren, wuchs Dionisij Kopčanskyj im damaligen Jugoslawien auf. Er studierte Theologie und entschied sich als griechisch-katholischer Theologe für ein Leben als verheirateter Priester. 1954 erhielt Kopčanskyj ein Schreiben aus Westdeutschland: Man suche einen Priester für die Ukrainerinnen und Ukrainer des byzantinischen Ritus. Ein Jahr später reiste die Familie mit drei kleinen Töchtern mit Pässen, Arbeitsgenehmigung und fünf Koffern aus.

Zunächst lebten sie im Lager Augustdorf bei Detmold, wo tausende ehemalige Zwangsarbeiter aus verschiedenen Ländern untergebracht waren. Pfarrer Kopčanskyj machte sich sofort daran, die ukrainischen Familien ausfindig zu machen, eine Liste zu erstellen – und eine kleine Kapelle einzurichten. „Er wusste genau, was ihn erwartete“, sagt seine Tochter. „Er würde Menschen begegnen, denen Würde und Menschlichkeit aberkannt worden waren.“
 

Dieser Brief von 1954 war ausschlaggebend dafür, dass Pfarrer Kopčanskyj mit seiner Frau und den drei Töchtern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Münster kam.

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Nach der Auflösung des Lagers zerstreute sich die Gemeinde über ganz Nordrhein-Westfalen – nach Münster, Rheine, Dorsten, Dortmund, Bielefeld. Pfarrer Kopčanskyj fuhr an Sonn- und Feiertagen weite Strecken, feierte bis zu drei Gottesdienste an verschiedenen Orten. „Er wollte zeigen, dass er bei ihnen ist“, weiß Svitlana Matthiessen aus ihrer Kindheit: „Er war zuerst Priester, dann Familienvater.“

Die Familie lebte in Münster in einer der ehemaligen englischen Kasernen an der Grevener Straße. Viele andere Bewohner dort waren traumatisiert und frustriert. Streit, Alkohol und nächtliche Einsätze gehörten zum Alltag. Häufig wurde Pfarrer Kopčanskyj von der Polizei gerufen, um zu schlichten und zu übersetzen. „Wenn es spät wurde, sagte er zu mir: ‚Du brauchst keine Angst zu haben.‘ Und dann hatte ich keine“, erzählt seine Tochter.

Die ständige Verantwortung blieb nicht ohne Spuren. „Vati wurde immer stiller. Er arbeitete bis tief in die Nacht.“ Die Familie habe ihn getragen. „Ohne unsere Mutter hätte er das nicht geschafft. Sie war seine Zuhörerin, seine Stütze.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg war die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine verboten. In Deutschland konnten die Gläubigen ihren Glauben frei leben – fern der Heimat, aber nicht heimatlos. „Zu Hause waren wir hier nicht“, sagt Svitlana Matthiessen. „Aber hier war unsere neue Heimat.“
 

Svitlana Matthiessen, heute 81 Jahre alt und wohnhaft im Tibusstift in Münster, möchte die Geschichte ihres Vaters wachhalten.

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Pfarrer Kopčanskyj baute nicht nur in Münster, sondern auch in Bielefeld und anderen Städten kleine geistliche Zentren auf – selbst für Gruppen von nur wenigen Gläubigen. Sein großer Wunsch war es, für die heimatlosen Ukrainer ein eigenes Gotteshaus zu erbauen als Treffpunkt der Gemeinschaft, als Ort der eigenen Muttersprache, ihrer Lieder und ihrer Musik. Beim 50-jährigen Bestehen der ukrainischen Kirche in Bielefeld 2022 musste seine Tochter feststellen, „dass Vatis Wunsch in Erfüllung gegangen“ war. 

Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges sind wieder viele Ukrainer in Deutschland auf Schutz und Solidarität angewiesen. „Auch im 21. Jahrhundert erleben wir das Recht des Stärkeren“, sagt Svitlana Matthiessen. „Ich wünsche dem ukrainischen Volk weiterhin Stärke und den Mut, das Unrecht zu bekämpfen.“ Den Schuldigen solle Vergebung geschenkt werden – das Geschehene aber nicht vergessen werden. 

Ihre Eltern sind auf dem Zentralfriedhof in Münster bestattet. Und wenn man Svitlana Matthiessen fragt, was sie den Ukrainern heute mitgeben möchte, dann sagt sie leise: „Sie dürfen nicht aufhören, ihre Heimat zu lieben. Sie kämpfen auch für ihre Kinder und Enkel. Und sie dürfen keine Angst haben.“

Ann-Christin Ladermann

Er spendete die Sakramente wie hier die Taufe oder die Erstkommunion und war mit Leib und Seele griechisch-katholischer Priester.

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