Unternehmertreffen mit Bischof zur Kommunikation im Internetzeitalter

Regeln für eine neu entstandene Parallelwelt, die Einfluss auf die ganze Gesellschaft hat: Diese Forderung hat am 13. September Gabor Steingart, Herausgeber des "Handelsblatts", im Franz Hitze Haus Münster aufgestellt.

Steingart sprach dort beim achten Unternehmertreffen des Bistums Münster zum Thema ",Alternative Fakten – Wahrheit und Reputation im Internetzeitalter".

Als Gastgeber begrüßte Bischof Dr. Felix Genn die mehr als 200 Gäste. Er stellte katholische Standpunkte zum Tagesthema dar und betonte: "Wenn man aus ethischer Sicht Stellung beziehen will, muss man die ,Zeichen der Zeit‘ und das Thema an sich klar analysieren." Dazu solle die Veranstaltung beitragen.

Der Referent stieg mit einer besorgniserregenden These ein: "Es steht nicht gut um die Wahrheit, denn sie ist dabei, zur Handelsware zu werden." Früher sei die Wahrheit ein Wert um ihrer selbst willen gewesen. Heute aber werde sie im Dienst verschiedener Interessen wie ein Rohstoff verformt und mit Zusatzstoffen versehen. "Die Wahrheit hat ihren Aggregatszustand verändert, von fest zu flüchtig, man bekommt sie kaum noch zu packen", sagte Steingart.

Vor allem in der Politik sei die Vereinfachung oft die strategische Antwort auf das "Zeitalter der Hyperkomplexität". Viele Politiker sprächen lieber Emotionen als Verstand an. "Das muss nicht nur negativ, sollte aber klar sein, weil mediale Inhalte nicht mehr nur in den Händen ausgebildeter Journalisten sind, die einen Ehrenkodex haben", erklärte Steingart.

Denn längst habe sich eine mediale Parallelgesellschaft entwickelt, formulierte er als zweite These. Sie funktioniere nach anderen Kriterien als Qualitätsmedien. Digitale Plattformen – "ich nenne sie bewusst nicht Medien" – prüften Sachverhalte höchstens nach Veröffentlichung und nur auf Nachfrage, verzichteten auf Widerspruchsrechte, Presserat und Selbstverpflichtungen. Beide Universen konkurrierten. Sie berührten sich in zwei Punkten: zum einen, wo Social Bots Wahrheit erzeugen, auf die die reale Welt reagiere, zum anderen, wo Fake News als werberelevanter Inhalt wirtschaftlichen Nutzen bringen.

"Diese Entwicklung betrifft allerdings nicht nur die Medien, sondern wirkt sich auf die Gesellschaft aus, in der wir jetzt und künftig leben", leitete Steingart seine dritte These ab. So hätten die digitalen Plattformen populistischen Parteien in vielen Ländern eine Bühne geboten und zum Erfolg verholfen. "Die mediale Parallelwelt schafft eine politische Parallelwelt und bringt einen neuen Typus von Politikern hervor", stellte der Referent fest.

Im Ergebnis dürfe man das digitale Zeitalter nicht verdammen, aber ebenso wenig mit naiven Kinderaugen betrachten. "Digitale Plattformen machen Gewinn, ohne Verantwortung zu übernehmen", verdeutlichte Steingart.

Zurzeit sei man noch in der "frühen Morgenstunde" dieser Entwicklungen. Deshalb sei der Gesetzgeber gefragt, die dringend nötigen Regularien zu entwickeln. Den Unternehmern riet der Referent, zu hinterfragen, wo sie Werbung schalteten. "Denn die Plattformen bauen mit Ihrem Werbegeld ein neues Gesellschaftsmodell", betonte er. Und bilanzierte: "Die Wahrheit braucht auch den Willen zur Wahrheit. Wer morgen noch demokratisch leben will, muss sich heute für die nötigen Regularien im Bereich der digitalen Plattformen einsetzen."

In der anschließenden Podiumsdiskussion, die Dr. Martin Dabrowski moderierte, kam Steingart mit Generalvikar Dr. Norbert Köster vom Bistum Münster, mit Verleger Dr. Benedikt Hüffer vom Münsteraner Aschendorff-Verlag und mit dem Publikum ins Gespräch. Dabei führte Köster unter anderem aus, dass das Bistum digitale Plattformen auch als Chance sehe. Schließlich ließen sie sich ebenso nutzen, um Wahres und Wertvolles zu verbreiten.

Bildunterschrift: Über "Wahrheit und Reputation im Internetzeitalter" tauschten sich (von links) Norbert Köster, Martin Dabrowski, Gabor Steingart, Felix Genn und Akademiedirektor Antonius Kerkhoff vom Franz Hitze Haus.

Text: Bischöfliches Generalvikariat / 14.09.2017
Kontakt: Pressestelle[at]bistum-muenster.de
Foto: Bischöfliche Pressestelle / Anke Lucht