© Heinrich Börsting

Vor 75 Jahren wurde der Dom bei einem Bombenangriff zerstört

, Bistum Münster, Stadtdekanat Münster

Der Angriff kam unerwartet, und er war verheerend: Vor genau 75 Jahren, am Nachmittag des 10. Oktober 1943, war die Stadt Münster Ziel eines Bombenangriffs im Zuge des Zweiten Weltkriegs. Dabei wurde der St.-Paulus-Dom schwer beschädigt.

Prof. Dr. Thomas Flammer, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für die Geschichte des Bistums Münster, kennt die Hintergründe: „Mehr als 102 Angriffe hat Münster im ganzen Krieg, aber dieser Tag bleibt als schwarzer Sonntag in der Erinnerung der Münsteraner.“ Das Bombardement habe von 15.03 Uhr bis 15.18 Uhr gedauert, mehrere hundert Flieger hätten die Stadt beschossen. „Dieser Tagesangriff ist mitten ins Zentrum gegangen und hat über 650 Opfer gefordert, über 470 Zivilisten, 200 Soldaten“, sagt Flammer. Tagelang hätten noch rund 40 Großbrände gelodert.

Neben den vielen Toten waren schwere Sachschäden zu beklagen – eben auch am Dom. Dessen Nordturm verlor sein Dach. Einige Gewölbe wurden durchschlagen.

Es war nach Flammers Angaben ein unerwarteter Angriff, Münster habe ja keine Schwerindustrie gehabt. Für den Dom sei es das zweite Mal gewesen, dass er im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen wurde. Diesen Angriff habe auch der damalige Bischof, der später seliggesprochene Kardinal Clemens August Graf von Galen, miterlebt, er sei davon bei den Vorbereitungen für den Nachmittagsgottesdienst überrascht worden: „In seinem Haus rettete er sich unter einen Türsturz, während links und rechts die Mauern des bischöflichen Palais zusammenbrachen.“ Letztlich habe der Bischof seine Messgewänder abgelegt, sei über ein Holzbrett aus dem Schuttberg gerutscht und in kurzen Hosen zur Löschung des Doms geeilt.

Zu den Zeitzeugen gehört der emeritierte Weihbischof Friedrich Ostermann aus Münster. Der 86-Jährige war damals elf Jahre alt, auch für seine Familie kam der Angriff plötzlich. „Wir wollten spazieren gehen“, erzählt er, „dann gab es Alarm, und schon mit dem Alarm fielen die ersten Bomben. Dann eilten wir alle in die Luftschutzkeller. Es stand dicker Rauch über der ganzen Stadt.“ Erst in den nächsten Tagen habe man von den Zerstörungen am Dom gehört: „In Erinnerung habe ich, dass man das als etwas sehr Schreckliches empfand, dass eben auch ein Gotteshaus getroffen wurde.“ Trotzdem hätten die menschlichen Opfer im Blickpunkt gestanden, vor allem die vielen Toten am Bahnhof und in den Reihen der Clemensschwestern, die an eben diesem Tag eine Versammlung in ihrem Mutterhaus abgehalten hatten.

Dass viele Gotteshäuser getroffen und neben dem Dom beispielsweise Aegidii- und die Überwasserkirche Treffer beschädigt wurden, erklärt Flammer mit der hohen Zahl der Kirchen in der Innenstadt, die wiederum zu mehr als 90 Prozent zerstört worden sei. Im katholisch geprägten Münster bewog das die Menschen zum Handeln über ihr persönliches Umfeld hinaus. „Es wurden sofort Notkirchen gebaut“, erinnert sich Ostermann, „ohne die Kirchen wollte man nicht sein.“ Flammer ergänzt, dass der Dom sogar noch während des laufenden Krieges notdürftig instand gesetzt wurde. So sei 1941 und 1943 das Dach repariert worden. 

Nach Kriegsende lief die Wiederinstandsetzung mit voller Kraft an. Auch der Weihbischof wurde dafür eingeteilt: „Das ging sofort nach dem Krieg los, vom zwölften Lebensjahr an mussten alle, die in Münster waren, Schippdienste leisten.“ So habe er miterlebt, „wie man vor diesen riesigen Schuttbergen mit vielen kleinen Schritten einen neuen Anfang setzte.“

Flammer weiß von Studierenden, die vor Beginn ihres Studiums einige Monate bei den Aufräumarbeiten helfen mussten. Dabei seien die Münsteraner erfindungsreich gewesen: „Es wurden Loren und Schienen in der Innenstadt verlegt, um den Schutt abzutransportieren.“ Die passenden Steine habe man eigens aus drei Steinbrüchen rund um Nottuln herbeigeschafft.

Beachtlich sei auch, „wie viel die Münsteraner für den Wiederaufbau gespendet haben, seien es Holzspenden von Waldbesitzern, damit der Dachstuhl rekonstruiert werden konnte, seien es Sach- und Materialspenden, deren Wert sich damals auf bis zu eine Million D-Mark belief.“ Sogar eine mehrmonatige Lotterie sei zur Finanzierung auf die Beine gestellt worden.

Für den Zeitzeugen Ostermann haben sich all diese Mühen gelohnt. „Der Dom ist für mich eine Spur zum lebendigen Gott“, sagt er, „ein spiritueller Raum, der auch den modernen Menschen die Dimension des göttlichen wenigstens erahnen lässt.“

  • Aus Anlass des 75. Jahrestages der Bombardierung der Stadt Münster findet am Mittwoch, 10. Oktober, um 18 Uhr ein ökumenisches Friedensgebet im Dom statt. Den Gottesdienst leiten der evangelische Superintendent Ulf Schlien, Stadtdechant Jörg Hagemann und Dompropst Kurt Schulte.

Anke Lucht

Bildunterschrift: Das Dach des Nordturms wurde beim Angriff des Doms zerstört.