Ökumenische Friedensvesper erinnert an Westfälischen Frieden

, Stadtdekanat Münster

„Es ist ein Prozess, Frieden zu schaffen“, eröffnete Pfarrer Hans-Bernd Köppen von der Pfarrei St. Lamberti den ökumenischen Gottesdienst. „In diesem Jahr müssen wir uns plötzlich wieder fragen ‚Was können wir tun, um Frieden zu bewahren?‘“, begann er die ökumenische Friedensvesper in der St.-Lamberti-Kirche, mit der am Jahrestag, dem 24. Oktober, dem Westfälischen Frieden gedacht wurde. Die evangelische Apostel-Kirchengemeinde und die katholische Pfarrei St. Lamberti hatten gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Münster dazu eingeladen. 

Den Mittelpunkt der diesjährigen Friedensvesper bildete der Text „Friede ist das große Wagnis“ des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer von 1934. Der Journalist und Theologe Arnd Henze griff die darin leitende Frage „Wie wird Frieden?“ auf. Henze warnte vor verkürzten Lesarten und einer Vereinnahmung Bonhoeffers. Bonhoeffers Texte müssten „nicht in ihrer zeitlosen Gültigkeit, sondern in ihrem Ringen mit ganz konkreten Herausforderungen“ gelesen werden. Wie Bonhoeffer sich in den 1930er-Jahren von seiner Zeit hat herausfordern lassen, rief Henze dazu auf, „dass auch wir uns in unserer Realität heute mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Unbedingtheit herausfordern lassen“. 

Die Mitwirkenden der ökumenischen Friedensvesper 2022.

© Ev. Kirchenkreis Münster

Von Bonhoeffer könne man heute die „bedingungslose Bereitschaft, sich nicht aus der eigenen Verantwortung zu stehlen“, lernen. Bonhoeffer sei der Frage „Wie wird Frieden?“ treu geblieben, „nicht obwohl, sondern weil er sie 1938 und 1939 ganz anders beantwortet hat“ als 1934. Insbesondere mit Blick auf den aktuellen Krieg in Europa zeigte sich der vielfach ausgezeichnete Journalist überzeugt: „Wir müssen uns hineinbegeben in die Dilemmata und Aporien dieses Krieges, der die fundamentalen Prinzipien des Westfälischen Friedens und der Charta von Paris mitzertrümmert.“ 

Dazu gehöre, dass die Abwägungen schmerzhafter würden. Ein eindeutiges „Richtig oder Falsch“ gäbe es nicht. Ausführlich schilderte Henze seine persönliche Abwägung zur militärischen Unterstützung der Ukraine und folgerte: „Gerade, weil wir der Ukraine im Frühjahr mit guten Gründen nicht geben konnten, worum uns die Menschen dort angefleht haben: Sollte ich heute nicht dankbar sein über jeden einzelnen Menschen, jede Rentnerin und jedes Kind, die nach einer bangen Nacht im Luftschutzkeller lebendig in ihre unzerstörte Wohnung zurückkehren kann - weil Luftabwehrsysteme auch das Deutschland inzwischen zumindest jede zweite Cruise Missile, Iskander oder iranische Drohne unschädlich macht, bevor sie ganz gezielt in Wohn- und Krankenhäuser von Kiew, Odessa oder Charkiw einschlagen – weit ab der Front?“

Aus Bonhoeffers Zeilen lasse sich auch ableiten, was die Kirchen der Welt von heute Unverwechselbares zu sagen habe: „Wir werden Gottes Verheißung nicht aufgeben, dass auch in dieser Welt und auf diesem Kontinent wieder Schwerter in Pflugscharen und Panzer zu Mähdreschern verwandelt werden können“, erklärte Henze, „als Christinnen und Christen können wir auf den Frieden Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, vertrauen.“ Doch dieser Friede benötige „unsere Vernunft, unsere Herzen, unser Handeln und unsere Stimmen, um diesen Frieden auszurichten über der rasenden Welt.“ 

Als „eine kleine Geste mit großer Symbolkraft“ beschrieb Pfarrer André Sühling, Vorsitzender der ACK Münster, den Friedensgruß, den die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher einander weitergaben. Sprecherinnen und Sprecher der Ratsfraktionen der Stadt Münster gestalteten gemeinsam mit Pfarrer Dr. Christoph Nooke von der evangelischen Apostel-Kirchengemeinde die anschließenden Fürbitten. Die musikalische Gestaltung übernahmen Kantor Alexander Toepper an der Orgel und die Lamberti Scholars, ein Nachwuchsprojekt der Pfarrei St. Lamberti. 

Text: Ev. Kirchenkreis Münster